Gedanken zu einer kurzen Reise südlich der Alpen

Possagno, Museo Canova

Auch wenn ich meist der Kunst wegen die Alpen überquere, so gibt es doch einen Moment, den kein Künstler ergreifender festzuhalten im Stande wäre. Das sanft über die bewaldeten gewaltigen Berghänge herabstreifende, schwere, fast pudrige Licht entfaltet einen Zauber und eine Ahnung, die mich jedes Mal wieder überwältigen. Diesen staunenswerten Zusammenklang von Irdischem und Himmlischem gibt es ausschließlich in dem schmalen Augenblick der Grenzregion von Nord und Süd zu bestaunen.

 

Es ist dieses Mal nur ein kurzer Aufenthalt in einer Gegend, in der sich der Norden und der Süden begegnen. Hier treffen die beiden auch für die Kunstgeschichte so relevant getrennten Zonen der Kulturen aufeinander. Kaum hat man die mächtigen Berge überschritten, erstreckt sich vor einem bereits das mediterrane, von so vielen Sehnsüchten durchwobene Italien. Prägen die Häuser in ihrem Erscheinungsbild noch alpine Merkmale, stehen doch Palmen und sogar vereinzelte Zypressen davor. Wild gebärden sich die nächtlichen Gewitter mit einem Getöse, als würden selbst die aus Nord und Süd kommenden Luftmassen um die Vorherrschaft ringen. Am Morgen blendet jedoch ein so blank geputztes Himmelsblau, das die nächtliche Dramatik stets wie einen Traum erscheinen lässt. 

 

Einen ähnlichen Weg der Alpenüberquerung wird auch der junge Ludwig genommen haben. Als der spätere bayerische König zusammen mit seiner kleinen Reisegruppe 1804 Aufenthalt in Venedig nimmt, ist es jedoch kein Naturschauspiel, sondern der Anblick von Antonio Canovas Hebe, der ihm noch Jahre später im Gedächtnis ist. Dieses Kunstwerk schlägt ihn so sehr in seinen Bann, dass er dies als sein Kunsterweckungserlebnis bezeichnen wird: „Es ergriff mich wunderbar. Alle hatten sich aus dem Saale entfernt, aber ich bleib wie festgewurzelt; es war nicht Sinnenreiz, nicht Sinnenlust, es war die Macht der Kunst…“

 

Nicht nur Ludwig, ganz Europa war von Canovas Kunst hingerissen. Der klassizistische Bildhauer ist zu Beginn des 19. Jahrhunderts einer der gefragtesten Künstler. Während einer der großen historischen Zeitenwenden lebend, ist er für alle Mächtigen jener Zeit tätig: für englische Adlige genauso wie für den Papst; für Kaiser, sei er von Gottes Gnaden in dieser Position oder auch für jenen, der sich kurzerhand die Krone selbst aufs korsische Haupt setzte.

 

So schuf Canova das Grabmal für die Lieblingstochter Maria Theresias, Maria Christina von Sachsen-Teschen, das sich heute in der Augustinerkirche in Wien befindet. Mit seinem rigorosen Verzicht auf jedwede christliche Symbolik setzte er völlig neue Maßstäbe innerhalb der Sepulkralkunst. Genauso widmete er sich aber auch als talentierter und einfallsreicher Porträtkünstler der umfangreichen Familie Napoleons und gab den Protagonisten, die das ancien régime beendeten, im wahrsten Sinne des Wortes ein Gesicht.

Geboren wurde Antonio Canova 1757 in einem kleinen idyllischen Ort namens Possagno am Fuße der Alpen. Stolz ist man dort bis heute auf den berühmten Sohn und hat ihm ein museales Kleinod eingerichtet. Neben dem liebevoll restaurierten Geburtshaus, das um einen gelungenen Anbau des Architekten Carlo Scarpa erweitert wurde, ist das Herzstück des Ortes sicherlich die sogenannte Gipsoteca canoviana. In großzügigen tonnengewölbten Räumen sind all die so wohlbekannten und auch weniger berühmten Gipsmodelle von der Hand des Künstlers ausgestellt. Nach dem – sich diesen Oktober zum 200. Mal jährenden – Tode Antonio Canovas hatte sein Bruder alle originalen Gipsfiguren aus dessen römischem Atelier nach Posssagno verbracht. Müsste man für Pauline Borghese, die kapriziöse Schwester Napoleons, nach Rom in die Villa Borghese reisen, um ihre viel gerühmte Schönheit zu bewundern, lagert die Gipsversion hier genauso entspannt wie das marmorne Werk in der italienischen Hauptstadt als siegreiche Venus auf einem Ruhebett. Die so zarte und doch sehnliche Umschlingung von Amor und Psyche, die im Louvre in Paris den täglichen Ansturm tausender Touristen mit charmanter Nachsicht ertragen, kann man hier in Ruhe studieren und sich ungestört der einzigartig liebevollen Verbundenheit erfreuen. Sogar die von Ludwig mit einem Gedicht hymnisch verehrte, heute in der Berliner Nationalgalerie befindliche Hebe hält als gipserne Variante in Possagno mit würdevoller Grazie ihre Schale in der Hand.

 

Ein Höhepunkt im Schaffen Canovas und auch hier in der Ausstellung sind die drei Grazien, die mit sanfter Innigkeit ihren hinreißenden Reigen bilden. In dieser vermutlich berühmtesten Figurengruppe jener Zeit können die Kunstfertigkeit und der anmutige Formwille des Künstlers in unvergleichlicher Weise bestaunt werden. 1812 wurden sie von Napoleons geschiedener Frau in Auftrag gegeben. Joséphine starb jedoch drei Jahre vor ihrer Vollendung, sodass die Skulptur in die Hände ihres Sohnes Eugène gelangte und auf Umwegen später nach Sankt Petersburg, wo sich die erste Marmorversion bis heute befindet.

 

Das originale Werk ist aus einem einzigen Steinblock gearbeitet und zeigt die drei Töchter von Zeus und Eurynome: Euphrosyne, Aglaia und Thalia, die stellvertretend für Freude, Eleganz und Schönheit der Jugend stehen. Nicht mehr die das Betrachterauge täuschende furiose Virtuosität, kein aus Marmor geschlagenes Materialspektakel eines Bernini werden hier zur Kunst erhoben, sondern eine die Antike leise nachsinnende edle Einfalt und stille Größe. Wählte der Barock Motive und Geschichten von größtmöglicher Dynamik, liebt der Klassizismus Inhalte von Ruhe und Ausgeglichenheit. Canovas Verdienst ist es, diese mit weiblichem Liebreiz und sinnlicher Anmut zu verschmelzen.

 

Seine drei Grazien genügen sich selbst. Sie strahlen weniger in den Raum hinaus, als dass sie sich willig der sie begrenzenden, glatten Konturenlinie fügen, der sich sogar die kunstvollen Flechtfiguren der Mädchen anschmiegen. Sowohl ihre Aufmerksamkeit als auch ihre physische Bewegungsrichtung sind ausschließlich auf einander gerichtet. Der zarte Schleier, der von einer zu anderen lose gereicht wird, unterstreicht ihre Verbundenheit. Die Blicke sind einander zugewandt, die Arme ruhen liebevoll auf der jeweils anderen. Form und Inhalt bilden eine Einheit von größter Harmonie, in der Canova ein Ideal femininer Schönheit zelebriert, das von heiterer Ausgeglichenheit durchdrungen ist. Wie sehr der Bildhauer von der zarten Anmut weiblicher Bewegung fasziniert war, zeigen auch die in Possagno in großer Anzahl vertretenen, berückend schönen Temperablätter mit tanzenden Mädchen und Nymphen. In diesen Werken lässt der Künstler der Virtuosität tänzerischer Eleganz freien Lauf und ersinnt immer neue Kreationen, um ihr zu huldigen.

Die kleine Sonderausstellung „Canova e il dolore“ ist seiner Sepulkralkunst gewidmet. Im Mittelpunkt stehen zwei Grabstelen, die Conte Giacomo Mellerio für seinen Onkel und seine Gattin in Auftrag gegeben hatte. Selbst dem so tragischen frühen Tod einer jungen Ehefrau kann Canovas Feingespür eine tröstliche Form verleihen, die bis heute anrührt.

 

www.museocanova.it