Gedanken zu einem Aufenthalt in Berlin

Schloss Tegel, Schinkel, Gemäldegalerie, Donatello, Erfinder der Renaissance
„Vielleicht reifte hier eine höchste Frucht jener Erkenntniß der Welt und des Menschen, um derentwillen allein schon, die Renaissance von Italien die Führerin unseres Weltalters heißen muss.“ (Jacob Burckhardt)

„Als sei mit dem Tode seiner Frau in dem Uhrwerk seines Körpers eine Feder gebrochen.“ Kein geringerer als Wilhelm von Humboldt formulierte diesen Satz als seine Frau Caroline im Alter von 63 Jahren 1829 starb. Sie selbst noch hatte den Künstlerfreund Bertel Thorwaldsen mit einer Skulptur beauftragt, die seither ihre Grabesstätte schmückt. Die Allegorie der Spes (Hoffnung) steht auf einer schlanken hohen Säule direkt über der Familiengrabstätte. Diese schließt an die weitläufigen Rasenflächen des Anwesens an, das sich bis heute in Familienbesitz befindet und von den Nachkommen der Humboldts bewohnt wird. Dementsprechend schwierig gestalten sich die Einlassbedingungen: nur in den Sommermonaten, nur montags und nur zur vollen Stunde darf man mit Führung das sogenannte Tegelschlösschen besuchen, in dem strengstes Fotografierverbot herrscht. Ich habe das Glück tatsächlich zur allerletzten Führung des Jahres gerade noch rechtezeitig dort einzutreffen. Mitten aus dem Getümmel des abendlichen Berliner Berufsverkehrs werde ich in eine andere Zeit versetzt. Edel und würdevoll versteckt sich das Anwesen noch immer von Wirtschaftsgebäuden und schattigem Baumbestand umgeben mitten in Tegel. Trotz vieler Verbotsschilder wage ich es dennoch, den Privatweg entlangzugehen, um die Räumlichkeiten zu besichtigen in denen dieses so viel gerühmte und bewunderte Paar Humboldt einst seine Sommermonate verbrachte.

 

Schon der Eingangsbereich ist beeindruckend. Schinkel gestaltete das aus dem 16. Jahrhundert stammende Herrenhaus, das sich seit 1766 im Besitz der Humboldts befindet, völlig neu im klassizistischen Sinne um. Nicht nur Wohnhaus für die Familie, sondern auch Aufbewahrungsort für die umfangreiche Kunstsammlung sollte es sein. So zeigt sich bereits das Entrée von würdevoller Schlichtheit im Stile eines römischen Atriums. Hier steht ein antiker Brunnen, dessen Fehlstellen der Bildhauer Bertel Thorwaldsen ergänzt hat. Die Rekonstruktion versehrter Kunstwerke im Zeitgeschmack war eine damals gängige Praxis. Die hölzerne, weiß lackierte Bank und auch die zurückhaltend einfachen Stühle wurden von Schinkel eigens für diesen Raum entworfen. Zur Rückseite hin öffnet sich die Eingangshalle direkt in den anschließenden Park.

Eine schmale Treppe führt ins Obergeschoss, in die eigentlichen Schauräume. Liebevoll wurden die Zimmer mit Hilfe von Originalvorlagen nach etlichen unguten Jahren der Umnutzung restauriert. So bekommt man einen eindrücklichen Begriff davon, wie sich Humboldts hier ganz nach ihrem fein kultivierten Geschmack eingerichtet haben. Blaue Wandbespannung, römische Stadtansichten und leider nur mehr in schlechten Kopien erhaltene Porträts der Töchter prägen diesen Raum. Atemnehmend ist der Ausblick in den Park. Niemals würde man vermuten sich mitten in Berlin zu befinden, soweit erstrecken sich die grünen Rasenflächen bis zum bewaldeten Ende hin.

 

Der darauffolgende Raum wurde vom Besitzer selbst als Museum bezeichnet. Hier stehen antike Marmororiginale, neben hervorragenden Gipsabgüssen, der Schreibtisch des damaligen Hausherrn sowie ein Teil seiner umfangreichen Bibliothek. Weltgewandtheit, Kunstverstand und ein großer Sinn für Ästhetik atmet dieser Raum. Zwei kleinere charmante Räume schließen sich an diesen an. Hier traf man sich nachmittags zum Briefeschreiben und Gedankenaustausch und hatte einen privaten Rahmen geschaffen um die bis heute so berühmte Marmorskulptur der Tochter Adelheid als Psyche von Christian Daniel Rauch adäquat zu präsentieren.

 

Caroline von Humboldt war eine erstaunliche Frau. Bereits in jungen Jahren wurden ihr „Männermut und Wissbegier“ attestiert. Sie wählte Wilhelm von Humboldt als ihren Ehemann, weil dieser ihr so großes Bedürfnis nach Freiheit und Individualität nicht nur erkannte, sondern auch schätzte. Sie reisten mit der stets anwachsenden Kinderschar quer durch Europa und führten aber über viele Jahre hinweg eine Fernbeziehung, weil Wilhelm nach seiner Zeit als preußischer Gesandter aus Rom nach Berlin zurückberufen wurde und seine Frau die ihr so lieb gewordene Stadt am Tiber nicht verlassen wollte. Caroline führte dort ein offenes Haus und förderte Künstler. Ihre eigenen Kunststudien mündeten in Bildbeschreibungen, die Goethe sogar drucken ließ. Sie war als Übersetzerin tätig, sprach mehrere Sprachen und machte ihren Mann mit Goethe und Schiller bekannt, da die Schwestern Lengefeld – Gattin und Schwägerin Schillers – zu ihren Jugendfreundinnen gehörten. Von bemerkenswert moderner Offenheit war die Ehe der Humboldts geprägt, die sowohl Wilhelm als auch Caroline andere Partner zugestand. Dass auch Caroline dies mit Wissen ihres Mannes in Anspruch nahm, war zu jener Zeit eigentlich undenkbar. 40 Jahre währte diese eheliche Verbindung glücklich.

 

Mühsam bewege ich mich wieder in die Gegenwart hinein, um am nächsten Tag doch gleich erneut auf imaginäre Zeitreise zu gehen. Für gewöhnlich werde ich misstrauisch, wenn Ausstellungen mit dem Zusatz angekündigt werden, es handele sich um ein „once in a lifetime event“. Höchstleistungen sind als solche erkennbar und müssen nicht in dieser Weise vermarktet werden. Im aktuellen Fall dürfen sich die vier Institutionen, die dieses fulminante Großereignis zu verantworten haben, aber tatsächlich solch verbaler Superlative bedienen. Die Staatlichen Museen zu Berlin, das Museo Nazionale del Bargello in Florenz und das Victoria & Albert Museum in London haben gemeinsam mit der Fondazione Palazzo Strozzi ein Kunsterlebnis erschaffen, das in der eigenen Lebenszeit so nicht noch einmal zu sehen sein wird. Sogar den etwas plakativen Untertitel verzeiht man den Kuratoren, auch wenn Donatello den Titel „Erfinder der Renaissance“ zu sein, dann doch mit Brunelleschi und Masaccio zu teilen hätte. Dieser Meinung waren ja schon seine Zeitgenossen…

Angenehm mildert das Dunkelgrün der Wände das überraschende Dämmerlicht des Eingangsbereichs der Berliner Schau, die mit einem Paukenschlag beginnt. Direkt neben der Tür steht er, der Marmordavid von Donatello. Ein Jüngling von solch gegenwärtiger Lebendigkeit und physischer Schönheit, dass die 600 Jahre, die seit seiner Entstehung vergangen sind, sich in einem Augenblick konzentrieren. Keine andere biblische Figur außer Jesus Christus wurde so oft im selbstbewussten Florenz der Früh- und Hochrenaissance von den Bildhauern in Stein geschlagen oder aus Bronze gegossen wie er: ein jugendlicher Held, der nicht mit brachialer Gewalt, sondern mit überlegender und dadurch überlegener geistiger Stärke den mächtigen Gegner Goliath zu Fall brachte.

Der aus dem Bargello in Florenz nach Berlin nun angereiste Marmordavid steht zu Beginn der langen Reihe und zeigt wie innovativ anders und dadurch von revolutionärer künstlerischer Größe Donatello gearbeitet hat. Nicht mehr wie zu Zeiten des Mittelalters üblich, von außen nach innen hat er seinen David gedacht, sondern von der physischen Beschaffenheit seines Leibes her. Der Marmor wird lebendig geformt, er höhlt sich aus, er umschließt, er stellt dar. Mit wachem, in die Ferne gerichtetem Blick und schwungvoller Körperdynamik hat der junge Mann seine Linke selbstbewusst in die Seite gestemmt, während die Recht auf seiner Hüfte aufruht. Die Geste der langen schmalen Finger weist in entgegengesetzte Richtungen und nimmt so Bezug auf die Umgebung des Dargestellten. Auch dies war eine Neuerung.

 

Anders als der spätere skandalös nackte Bronzedavid ist dieser junge Mann aufwendig bekleidet. Ein Umhang schmiegt sich an die Rückseite des jugendlichen Helden und wird vorne voluminös geknotet. Ein mantelartiger Überwurf betont die Schlankheit und Länge der nackten Beine, die durch die geöffnete Vorderseite sichtbar werden. Hier bildet sich ein Zwischenraum aus, in dessen Schutz der abgeschlagene Kopf des Riesen liegt. Fast zärtlich berühren die Füße des Helden das Haupt des Unterlegenen, in dessen Stirn die todbringende Wunde klafft.

 

Ursprünglich war der David für einen Strebepfeiler am Florentiner Dom gedacht. Da er aufgrund seiner mangelnden Größe aber nicht die erhoffte Fernwirkung entfaltete und zudem auch Donatellos fein gearbeitete Details auf eine solche Distanz nicht mehr sichtbar waren, entschloss man sich kurzerhand die meisterliche Figur mitten in der Stadt auf der Piazza della Signoria aufzustellen. Erst 100 Jahre später wird kein geringerer als Michelangelo erneut mit einer marmornen Strebepfeilerfigur beauftragt werden.

​Wie Juwelen reihen sich die weiteren Exponate der Ausstellung dicht an dicht. Die so berückend sanften und dabei doch durch und durch menschlichen Madonnen, die in ihrer Zartheit bereits all den Schmerz des zukünftigen Opfertodes ihres Kindes in sich tragen, sind von außerordentlicher Anmut und Schönheit. Es nimmt nicht wunder, dass sie sich in so mannigfaltiger Art beim damaligen Publikum besonderer Beliebtheit erfreuten. In Terrakotta, in Marmor, aber auch in Glasabgüssen wurden sie damals gehandelt und machten den jungen Künstler schnell berühmt.

 

Eine der Schönsten ist sicherlich die Pazzi-Madonna, die sich auch für gewöhnlich in Berlin befindet. Pausbäckig lächelnd, dass sogar die Milchzähnchen sichtbar werden, hat der Jesusknabe das kleine Gesicht seiner Mutter zugewandt und packt voll Freude deren transparenten Schleier. Diese umfasst ihr Kind trotz der Trauer im Blick so zärtlich, drückt es so nah an sich heran, dass der Sohn seinen Fuß auf dem unteren Reliefrand abstützen muss. Wie Donatello hier Perspektive in der Fläche suggeriert, einen Raum vortäuscht, der in Wahrheit lediglich zweidimensional ist, stellt eine der ganz großen Innovationen der abendländischen Kunst dar.

 

Auch dies ist ein Merkmal der Renaissance: die Figur wird zum Körper, die Fläche zum Raum. Donatello ist derjenige, der diese Verwandlung als erster in der Gattung des Reliefs vollzogen hat. Er entwickelte mit dem rilievo schacciato, dem gequetschten Relief, eine Technik, die es erlaubt, Räumlichkeit im Reliefgrund nicht durch die Erhabenheit der Motive, sondern durch feinste Einritzungen und minimale Vorwölbungen darzustellen. Gerade in der so spannenden zwischen Malerei und Bildhauerkunst angesiedelten Gattung des Reliefs werden die wichtigen künstlerischen Fragen jener Zeit besonders eindrücklich diskutiert: die Perspektive, das Verhältnis von Rahmen und Figur sowie neue Formen einer nahbar menschlichen Erzähldynamik. All dies kann in eindrücklicher Vielfalt in dieser Ausstellung studiert werden.

 

Zwei spektakuläre Glanzlichter in dieser an Höhepunkten wahrlich nicht armen Schau stellen die Reliefs der Prato-Kanzel dar. Die unweit von Florenz gelegene Stadt hatte Donatello und seinem Kollegen Michelozzo die Aufgabe übertragen für die Kanzel an der Außenseite des Doms Reliefs zu gestalten. Auf diesem Balkon wurde der Gürtel Mariens, eine der bedeutendsten Reliquien jener Zeit, am 8. September jeden Jahres dem Volke gezeigt. Mit 9-jähriger Verspätung lieferte Donatello die gewünschten Reliefs. Wild vergnügt toben kleine Engelsputten in ihren eigentlich für diese Tätigkeit zu schmalen Feldern. Hinreißend modern und ihrer Zeit vorausjagend fügen sie sich nur unwillig dem vorgegeben Reliefraum und scheinen diesen eigentlich bereits übertreten zu wollen. Mit Mühe begrenzen die gekuppelten Säulchen die übermütige Kinderschar. Bewegtheit von solch fröhlicher Dynamik lediglich um ihrer selbst willen war ikonografisch zu Beginn des 15. Jahrhunderts eine völlige Neuerung. Es wird vermutet, dass antike Reliefs, die Donatello bei seinem Aufenthalt in Rom gesehen hatte, hier vorbildlich waren.

 

Von opulenter Fülle zeigt diese Schau Quantität in höchster Qualität. Stunden über Stunden könnte ich verweilen vor jedem einzelnen Objekt und würde doch nicht müde. Wie sehr liebe ich diese Form der Kunstbetrachtung und Beschäftigung, die anders als in Theater oder Oper nur von mir gestaltet wird. Ich allein bestimme, wie lange und intensiv ich mich allem widme. Allein mein Rhythmus, meine Geschwindigkeit, meine Aufmerksamkeit zählen. Ich bin weder passiver Rezipient noch Teil einer Gruppe. Ich bewege mich entscheidend durch den Raum. Ich bin Gesprächspartner eines Dialoges, der ausschließlich zwischen mir und all den Heiligen, den Madonnen, den Büsten, den Putten, den zum vergleichenden Sehen so klug ausgewählten Bildern stattfindet, die mir Augen und Sinne betören.

 

Gegen Ende der Ausstellung begegnet mir dann noch ein besonders bekanntes Gesicht. Der so charakteristische Kopf des grimmigen Feldherren Gattamelata beweist, dass Donatello auch jenseits der madonnenhaften Lieblichkeit und verspielten Kinderreigen ein Großmeister seines Faches war. Bis heute steht in Padua seine brillante technische Schöpfung: das erste frei aufgestellte bronzene Reiterstandbild seit der Antike.

Mehr Italien wird man auf lange Zeit hin in Berlin nicht finden können. Und was für ein Italien!

 

„Was viele mit geschulter Hand einst für die Bildhauerei getan, hat nun Donato ganz allein vollbracht und dem Marmor Leben, Gefühl und Geste verliehen. Was mehr, außer dem Sprechen, hat die Natur zu bieten?“ (Giorgio Vasari)

 

https://www.museumsportal-berlin.de/de/museen/humboldt-museum-schloss-tegel/

https://www.smb.museum/ausstellungen/detail/donatello/