Gedanken zur Ausstellung „Talent kennt kein Geschlecht“ im Georg Schäfer Museum in Schweinfurt

Großformatiger erster Blickfang der Ausstellung im Schweinfurter Georg Schäfer Museum sind zwei repräsentative höfische Bildnisse. Die bayerische Königin Therese von Bayern wurde von Julie von Egloffstein in Szene gesetzt, Franz Krüger porträtierte den Grafen von Nesselrode.

 

Merklich unentschlossen geben sich sowohl Königin als auch Künstlerin in der Art der Präsentation. Spielen Juwelen, Kolorit und Hermelin eindeutig auf den hohen Rang der Dargestellten an, verwirren ihre legere Pose auf dem Sitzmöbel und das Plaid über den Knien. Die Vielzahl privater und höfischer Attribute erzeugt deshalb beim Publikum eine latente Verwirrung ob der intendierten Außenwirkung der Fürstin.

 

Ebenfalls nicht ausschließlich als großen Staatsmann will Franz Krüger den hochdekorierten russischen Botschafter betrachtet wissen. Anders als seine Kollegin wählt der Maler jedoch das Mittel der Reduktion: Die Hand des Grafen wird von keinerlei Attributen beschwert. Die Orden wirken auf dem schlichten Anzug nur zu diesem Anlass angesteckt. Der Blick ist entspannt in die Ferne gerichtet. Der rückwärtige Vorhang gibt die Sicht auf ein zwar würdevolles, jedoch schlichtes Interieur frei.

 

Das herausfordernde Ausbalancieren von privater und offizieller Wirkung ihrer Auftraggeber lösen Künstlerin und Künstler in höchst individueller Weise. Verführerisch wäre es nun diese Unterschiedlichkeiten innerhalb der Bildauffassungen aufgrund des Geschlechts und nicht der Persönlichkeit zu erklären. Dass dies äußerst unklug und zudem überholt wäre, davon zeugt ja glücklicherweise der vielversprechende Titel der Ausstellung: „Talent kennt kein Geschlecht“

Schnell lernt der interessierte Besucher, dass es sich bei dieser so zeitaktuell anmutenden Formulierung nicht etwa um ein Zitat aus unserer Gegenwart handelt. Schon 1785 sprach sich mit diesem Satz der spätere Sekretär der Pariser Kunstakademie Antoine Renou öffentlich dafür aus, dass Frauen an der 1648 gegründeten Institution aufgenommen werden sollten. Die Schweinfurter Ausstellung widmet sich jedoch nicht dem Kunstschaffen des 18. sondern dem des beginnenden 19. Jahrhunderts. „Malerinnen und Maler der Romantik auf Augenhöhe“ heißt deshalb der Untertitel.

 

Klassisch gliedert sich der Aufbau in den farbenfroh gestrichenen Räumen motivisch nach Malereigattungen. Gebrochen wird diese Kategorisierung durch einige inhaltliche Ausnahmen, die den Fokus auf andere Bereiche legen, wie z.B. das noch lange nachwirkende Vorbild Angelica Kauffmann, die beiden Malerinnen Louise Seidler und Marie Ellenrieder oder die Künstlergruppe der Nazarener.

 

Betrachtet man die Exponate jenseits der Geschlechterzuordnung wird eines schnell klar: sowohl bei den Frauen als auch bei den Männern gibt es versierte malerische Talente, und auch solche, die mit den künstlerischen Hürden nicht ganz so virtuos umzugehen verstehen.

 

Gerade für den Motivschatz der Romantikergeneration mit ihrer Vorliebe für Porträts und Genremalerei erscheinen deshalb werkimmanente Erklärungen wesentlich zielführender als der überholte Ansatz eines weiblichen oder männlichen Blicks.

 

Aus diesem Grund drängt sich nach dem Verlassen der solide kuratierten Räume denn doch die grundlegende Frage auf:

Wäre es nicht zeitgemäßer gewesen einer Ausstellung zur romantischen Malerei nicht den Geschlechterstempel mühevoll aufzudrücken, sondern im Sinne Renous die Bilder für sich sprechen zu lassen? Statt durch rein deskriptiv verfasste Wandtexte den Besucher über das Erkenntnisziel der Ausstellung im Unklaren zu lassen, hätte die Möglichkeit bestanden die Frauen endlich selbstverständlich mit in den kunsthistorischen Kanon aufzunehmen, statt ihre Sonderrolle wiederum zu betonen.

 

Zur Ausstellung ist ein Katalog im Hirmer Verlag erschienen.