Gedanken zu einem Besuch der Alten Pinakothek in München

„Nicht Kuchen, sondern Brot sei die Kunst für‘s Volk.“ So lautete der ambitionierte Wunsch König Ludwigs I., dem Initiator der Alten Pinakothek. Auch der jetzige Generaldirektor der bayerischen Staatsgemäldesammlung Bernhard Maaz schließt sich dieser Haltung an, wenn er die Kunst als ein Grundnahrungsmittel des Menschen bezeichnet. Einem Festtagsmahl gleicht mir ein Tag, der ausschließlich dem Besuch dieses Museums vorbehalten ist.

 

Wie vom königlichen Erbauer gewünscht, wird der quergelagerte majestätische Bau immer noch vom großzügigen Rasengrün umrahmt. Im Zweiten Weltkrieg schmerzlich versehrt, gelang Hans Döllgast das Bravourstück die Wunden in die erneuernde Architektursprache zu integrieren und so einen zeitgemäßen Museumsbau zu erschaffen, der dennoch von der Genialität seines ursprünglichen Erbauers Leo von Klenze durchdrungen bleibt.

 

Liegt zwar der Eingang nun nicht mehr an der Stirn- sondern an der Längsseite, werden wir auch nicht mehr von Festsaalstimmung und goldenem Stuckornament wie im 19. Jahrhundert empfangen, so ist der Gang über die atemberaubenden Treppen ins Obergeschoss doch jedes Mal wieder ein Erlebnis der besonderen Art. Nahezu kein Besucher, mich eingeschlossen, kann der Versuchung widerstehen diese grandiose Perspektive fotografisch festzuhalten.

 

Ursprünglich war der Zugang zur Galerie des Obergeschosses als Korridor gebaut, der sich in 25 Loggien unterteilte. An wenigen Stellen sind hier noch Überreste der ehemals in leuchtenden Farben von Peter Cornelius entworfenen und von seinen Schülern ausgeführten Fresken erkennbar. Die Geschichte der Kunst war das Thema der kleinen Kuppeln und der darunter liegenden Lünetten. Anhand von Szenen aus dem Leben deutscher und italienischer Künstler, die mit Werken in der Sammlung vertreten waren, wurde sie erzählt. Dem göttlichen Raffael kam dabei eine besondere Bewunderung zu. So war nicht nur der Grundstein des Museums am 7. April 1826, dem Geburtstag des Künstlers, gelegt worden, auch innerhalb der Ausstattung wurde die Hervorhebung des Renaissancemalers deutlich: Raffael war die zentrale 13. Loggia gewidmet.

Von ausgeprägtem kunsthistorisch-didaktischem Anspruch zeugt die Planung und Realisierung des damals größten Museumsbaus Europas. So reaktionär Ludwig als König vor allem in späteren Regierungsjahren war, so fest er vom katholischen Glauben – auch an ein Gottesgnadentum – durchdrungen war, so sehr war er doch ein Kind der Aufklärung. Die öffentliche Präsentation der erst kürzlich in München zusammengeführten Kunstsammlungen der Wittelsbacher im neu errichteten Museumsbau fernab der Residenz legt davon Zeugnis ab. Innovativ und wegweisend, da von der Bilderpräsentation her gedacht, war die Architektur Leo von Klenzes. Der großzügig von Tageslicht durchflutete Mittelgang gab den Großformaten genügend Raum. Die flankierenden Seitenkabinette hingegen gewährleisteten einen intimen Blick auf die kleineren Gemälde. Nach Schulen und Regionen gehängt und mit Erläuterungen versehen, sollte die Begegnung und Auseinandersetzung mit dem Schönen, Wahren und Guten den Besucher anders entlassen als sie ihn empfangen hat. Ludwig war von der sittlichen Wirkungsmöglichkeit der Kunst zutiefst überzeugt, die er auch nicht vom zu kleinen Geldbeutel abhängig machen wollte: Sonntags war der Eintritt ins Museum frei. Der sonntägliche symbolische Eintrittspreis von lediglich einem Euro ist ein Relikt aus jener Zeit.

Trotz der Veränderungen, die diese Bildergalerie im Verlauf der Jahrhunderte erfahren hat, ist sie für mich einer der schönsten Orte der Welt. Wie schon so viele Male zuvor öffne ich deshalb voller Vorfreude die schwere Holztüre. Vertraut und wohlbekannt begrüßt uns der Eingangsbereich. Als erstes besuchen wir eine sehr besondere junge Frau, die mich mit ihrer Eleganz jedes Mal wieder verzaubert. Jan Gossaert erzählt die Geschichte der Danae, deren Schönheit so groß war, dass Zeus sich ihretwegen in einen Goldregen verwandelte, um sie zu besuchen. Der Vater Danaes hatte seine Tochter eingesperrt, befürchtete er doch die Erfüllung des Orakels von Delphi, das ihm prophezeit hatte, er würde von der Hand des eigenen Enkels sterben. Natürlich kann man ein Orakel nicht überlisten, schon gar nicht, wenn Zeus seine Hand im Spiel hat. Und so sitzt die schöne Danae im futuristisch-renaissancehaften Interieur und gibt auch nach 500 Jahren nicht preis, ob sie sich nun über den göttlich-goldenen Besuch freut oder nicht.

 

Wir schlendern an mädchenhaften spätgotischen Heiligen vorbei und verweilen kurz bei der ersten Weltlandschaft der Kunstgeschichte. Mit der phantastisch anmutenden Alexanderschlacht hatte das Sammeln der Münchner Wittelsbacher bekanntlich begonnen. Turbulent verlief jedoch das Schicksal dieses Bildes. In den Wirrnissen, die auf die Französische Revolution folgten, gelangte das Bild nach Paris, wo es sogar im Badezimmer Napoleons gehangen haben soll.

 

Albrecht Dürer bleibt von solchen Geschichten unbeeindruckt. Stolz und meisterlich präsentiert er in perfekter Handwerklichkeit nicht nur sein schönes Gesicht, sondern dem bewundernden Betrachter vermutlich auch das früheste Selbstporträt der Kunstgeschichte.

„An Zahl werden die großen Museen die meinige übertreffen, in der Quantität kann sich nicht, in der Qualität soll sich meine Sammlung auszeichnen.“ So lautete der Wunsch Ludwigs I. als er noch Kronprinz war. „Das schönste Kaufbare zu erwerben, ist mein Wille“ und „Werke ausgezeichneter Schönheit will ich erwerben, wenn nicht anders zu erhalten, theuer, selbst bezahle“. Für den in alltäglichen Belangen äußerst sparsamen Wittelsbacher spielten weder Zeit noch Geld eine Rolle, wenn es um den Erwerb von besonders geschätzten Kunstwerken ging. Die italienischen Renaissancekünstler, allen voran Raffael, hatten es ihm besonders angetan. Eigens von Ludwig beauftragte Kunstagenten verhandelten vor Ort mit den Vorbesitzern.

Im Falle der Madonna Tempi war die Sache besonders schwierig. In den mehr als 100 Briefen, die der bayerische Kurprinz mit seinem Kunsthändler Johann Metzger bezüglich des Bildankaufs in 20 Jahren wechselte, gebot er eine Geheimsprache zu verwenden. Er fürchtete Kaufkonkurrenten könnten die schriftliche Korrespondenz öffnen. So wurde sein Agent angewiesen vom Gemälde als der „Täubin“ zu schreiben, Ludwigs Pseudonym lautete „Herr Schmid.“ Letztendlich kam man allen anderen Interessenten zuvor. Herr Schmid konnte seiner Täubin „ein warmes schönes Nest an der Isar“ bereiten. Bis heute hängt dieses zauberhafte Bild in der Pinakothek und erzählt von Raffaels unübertroffen tiefempfundenem Gespür für Schönheit. „Vor der Schönheit verstummen Klugheit, Tugend, Macht und Reichtum.“ Davon war der Maler aus Urbino überzeugt.

Nun, Macht und Reichtum verstummen nicht ganz, wenn Tizian mit dezidierter Farbgewalt und Würde Karl V. porträtiert. Ob einer der größten Herrscher des Abendlandes, der just am Tag unseres Museumsbesuchs sein 500. Thronjubiläum feiert, dieses Ereignis eher bedauerte oder stolz darauf war, bleibt sein Geheimnis. Von so verwirrend respekteinflößender Uneindeutigkeit hat der Venezianer ihn in seinem Lehnstuhl platziert.

Und dann überwältigt uns Rubens. Sein Saal ist das architektonische Zentrum der in Grün und Magenta gehaltenen Raumfolge. Gewaltig ergießt er Leiber über Leinwände, scheidet Gut und Böse im Jüngsten Gericht. Vom stolzen Selbstporträt mit feiner Gattin bis hin zur martialischen Nilpferdjagd, die nicht für zarte Gemüter bestimmt ist, spielt er seine Virtuosität auf der Klaviatur der Kunst aus. In perfekter Balance bewegt er sich zwischen Disziplin und Überschwang. Scheinbar absolutistisch herrscht der Flame über die Gattung der Malerei.

Von so vielem wäre noch zu berichten: dem einzigartigen und mir stets so modern vertrauten Tiepolo, dem strengen Poussin, dem beliebten Murillo, dem verführerischen Boucher oder dem tragischen Elsheimer. Aber auch das schönste Festmahl erreicht irgendwann sein Ende und die Gänge können nicht endlos fortgeführt werden. So verabschieden wir uns von all den köstlichen Kostbarkeiten mit glücklicher Dankbarkeit an einem Ort, dessen Name wörtlich übersetzt „Aufbewahrungsort für Bilder“ bedeutet. Aber was für welche!