Einleitungstext zur Graphikmappe „Böse Blumen“

So schwer ins Herz mich trafen
Des Frühlings Glanz und Glut,
Dass ich in heißer Wut
Auf Blumen schlug, um die Natur zu strafen.

 

Charles Baudelaire verdeutlicht bereits durch die Wahl des Titels seines berühmten Gedichtbands „Les Fleurs du Mal“ dass es sich nicht um bunte, bescheidene, betörende oder blühende sondern eben um böse Blumen handelt, die dementsprechend behandelt werden müssen.

 

So wie das literarische Werk scheinbar Vertrautes aus einem völlig anderen Blickwinkel beschreibt und behandelt, so ungewöhnlich gehen die hier vertretenen Künstler mit der vorgegebenen Thematik um. Die höchst heterogene Bandbreite reicht von tatsächlichen stilllebenartigen Blumendarstellungen bis hin zu einer an Magritte erinnernden Denkweise, die sich vom gesetzten Motivbegriff völlig emanzipiert. Stellt die radikal-individuelle Loslösung vom vorgegebenen Thema eine Zurückweisung moralisch wertender Begriffe wie „Gut“ und „Böse“ dar, die heute noch unklarer erscheinen als im 19. Jahrhundert? Oder handelt es sich schlicht um die Ablehnung einer titelsetzenden „Auftragskunst“, die der autonome Künstler nicht mehr gewillt ist sklavisch zu erfüllen? „Evolutionschef Dr. Alarm der K.U.N.S.T“, lautet Jonathan Meeses Stellungnahme dazu, womit sich jede Einmischung Dritter von vorneherein verbietet, denn die Kunst entwickelt sich jenseits von Kategorien wie „Schön“ und „Hässlich“ ganz eigenständig aus dem kreativen Schaffensdrang des Künstlers.

 

Weit davon entfernt Blumen darzustellen ist auch das Leipziger Künstlerduo Günther Meyer. Sein Blatt wirft sich stattdessen auf „Teufel komm raus“  in die Abgründe menschlicher Frivolität. „Die einzige Lyrik bei einem (...) Menschen ist die Sexualität“ sagte Charles Baudelaire und trifft damit – seiner Zeit voraus – den Kern dieser vollgetexteten Radierung, deren Ursprung eine SMS Korrespondenz der beiden Künstler war.

 

Zwar bildlich konkret, aber ebenso autonom hinsichtlich des Titels präsentieren sich die Grafiken von Paule Hammer und Vlado Ondrej. Märchenhaft düster erscheinen beide Blätter. „Unmenschlich, nicht menschenfeindlich“ spinnt Hammers altes Weiblein in einem vergitterten Verlies an ihrem Spinnrad einen Faden, der nichts Gutes verheißt.

 

In offen ausgetragener Aggression begegnen sich zwei tiefschwarze, wie aus einem hässlichen Albtraum entlaufene, Hunde. Welcher Betrachter von Vlado Ondrejs Blatt kann die körperliche Pein dieses schmerzhaften Bisses nicht unmittelbar nachempfinden?

 

Physisch mühsam geht es auch bei der polnischen Künstlerin BEZA zu. Sie zeigt eine figürlich-konkrete, energische Formensprache: die Pflanze wird mit höchster Anstrengung an der Wurzel gepackt. Da die nackte Person selbst mit all ihrem Gewicht auf der Überfülle der disteligen Gewächse steht, erschwert sich das Unterfangen so sehr, dass sie „es auf sich beruhen lassen“ wird. Katrin Heichels Interpretation „BB“ ist von subtiler Schönheit, die das subversiv-stachelige Wesen der Distel gar nicht erst zu verstecken sucht. Disteln sind eben keine Rosen, sie verletzen ohne zu betören. Isabelle Dutoits stachelig umwandete „Flechten“ knäulen sich unheilvoll auf ihrem Blatt zusammen. Schwarze Hände erwachsen randseitig aus den Ranken. Sie tun besser daran nicht in das Pflanzenwerk hineinzugreifen.

 

Auch Rosa Loys Reigen tanzenden Blumenfeen haftet etwas Düsteres an, da sie schweben, als würde man sie nur unter grünem Wasser betrachten dürfen. Unheilvoll dunklen Trichtern entschlüpft, entfalten sie sich in ihren Gewändern und Bewegungen doch zu einem Bild voll schillernder, ätherischer Schönheit, das wie die zarte Umsetzung einer weiteren Baudelairschen Strophe anmutet:

Die Farben in grellem Glanz,
Die dein Gewand bedecken,
In Dichters Geist erwecken.
Ein Bild von lieblich leichtem Blumentanz.

Weit entfernt von diesem poetisch radierten „Blütenstaub“ sind Johannes Rochhausens Pflanzen „am Abend“. In einen Innenraum gestellt, wird ihr naturwüchsiges Werden und Wachsen durch die Keramikwände der Blumentöpfe begrenzt, sodass sie wie ein trauriges Relikt aus einem fernen Arkadien erscheinen.

Den roten sternförmigen Gebilden in Walter Libudas „...kam an, ging weiter...“ ist es ebenfalls nicht gestattet sich in Freiheit zu entfalten. Geschützt vor der Außenwelt und von weiteren abstrakt-kristallinen Gebilden umgeben, schlummern sie im dunklen Inneren einer gebirgsähnlichen Formation, die wie durch einen Querschnitt präsentiert wird. Ob sie jemals bei Tageslicht voll erblühen werden?

Einen freien Blick gesteht David Schnell dem Augenwanderer in seinem landschaftlich anmutenden Blatt zwar zu; sein Weg könnte ihn bis an den Horizont führen, wenn da nicht eine materiell fast greifbare, dräuende Düsternis, die in ihrer Schwärze an Rembrandts Radierungen erinnert, wie ein Damoklesschwert bereits viel zu schwer in der Luft lastete. Martin Kobe geht noch einen existenziellen Schritt weiter indem er dem Betrachter jegliche Hoffnung auf ein menschliches oder vegetabiles Element nimmt und in atemberaubender Perspektive seine zersplitterte Vision eines futuristischen Architekturszenarios fulminant präsentiert. Er schafft Räume, in denen keine Blumen mehr wachsen – weder gute noch böse.

Anstelle von Blumen konfrontiert Sebastian Gögel den Betrachter mit menschlichen Wesen, auf deren formatfüllende, nahsichtige Antlitze man im Profil oder en face blickt. Die Konturen der Gesichter entwickeln dabei ein Eigenleben, sodass Münder und Nasen nur noch ansatzweise erkennbar bleiben. Menschliche Wesen sucht man bei Kristina Schuldt vergeblich. Aber vielleicht findet man eine Vorstufe davon in den  phallisch-spermienhaften Gebilden, die sich nach oben schlängeln. Während des Betrachtungsprozesses scheinen sie sich immer mehr zu verändern und erinnern dann doch entfernt an gesichtsähnliche Formen.

Maria Ondrej gibt in ihrem Blatt eine Ahnung von den schlummernden Kräften des Ursprungs. Golden leuchtet es bereits unter der kristallinen Schicht, die ob der sich Bahn brechenden strahlenden Wärme zu schmelzen beginnt. Es ist eine bildhafte Version des ewigen Verwandlungsprozesses von Werden und Wachsen, Auflösen und Vergehen.

Gibt es in diesem Prozess überhaupt ein gut – böse, ein schön – hässlich? Oder ist bereits die Frage danach obsolet? Baudelaires Antwort ist so zweideutig wie die Blätter dieser Mappe: „Die Schönheit kann ebensogut aus der Hölle stammen wie aus dem Himmel.“