Gedanken zu Franz Erhard Walthers „Shifting Perspectives“ im Haus der Kunst

Selbst der Sommer in diesem ungewöhnlichen Jahr 2020 ist anders als die beiden zuletzt Vergangenen. Kühl und zurückhaltend gibt sich das Wetter bisher. Würde man sonst den einzig warmen Junitag genutzt haben, um diesen im Freien zu verbringen, ist nach Monaten der Kunstabstinenz die Freude groß ins Haus der Kunst nach München fahren zu können. Franz Erhard Walther wird in diesem Monumentalbau, dessen großspuriger Eleganz man sich jedes Mal wieder nicht entziehen kann, mit einer Retrospektive gewürdigt.

 

Trotz leerer Räume gilt Maskenpflicht für Besucher und Personal. Warm und zunehmend unangenehm trägt man nun ein Stück Stoff über Mund und Nase um die textilen Kunstwerke besuchen zu dürfen.

Die Maske bleibt jedoch die einzige Berührung mit textilem Material während des Ausstellungsrundgangs. Sind die Arbeiten konzipiert nicht nur betrachtet, sondern auch in Benutzung genommen zu werden, ist dies in den jetzigen Zeiten dem Individualbesucher nicht gestattet. Coronavorschriften regeln mittlerweile nicht nur die Distanz zum Menschen, sondern auch die Distanz zum Objekt. Verbotsschilder verweigern auf den Solnhofer Platten den Zutritt zu den bordeauxfarbenen Nischen, die eigentlich explizit zum Betreten und Verweilen konzipiert sind. Die derzeitigen gesetzlichen Restriktionen führen so den künstlerischen Ansatz Walthers ad absurdum, der formuliert hatte, dass die Handlung des Menschen selbst Werkcharakter erhält und der Wert des Materiellen auch durch die Handlung entsteht.

 

Seltsamerweise hat man jedoch an keinem Punkt der Ausstellung das Bedürfnis sich über die Corona bedingten Berührungsverbote hinwegzusetzen. Zu unnahbar und anonym wirken diese Installationen. Denn das Taktile, Schmiegsame, Kleidende oder auch Schützende und Wärmende des Textilen geben die Arbeiten nur vor vermitteln zu wollen. Es ist eine vorgespielte Sinnlichkeit, die von einer zu konzeptuell ausgerichteten Ästhetik überlagert wird.

 

Unberührt durchschreitet man deshalb die weitläufigen Ausstellungsräume. Ästhetisch ansprechend und großzügig platziert sieht man den buntfarbigen, kantigen Objekten beim Liegen und Stehen zu. Ordentlich und streng orientieren sie sich an den geraden Linien und Ebenen der überdimensionalen Räumlichkeit.

 

Fremd erscheint dieser Ansatz konstruierter Abbilder und Imaginationen in einer Zeit, die sich wie nie zuvor nach Realität, Berührung und Wahrhaftigkeit sehnt.