Weihnachtliche Gedanken zu Albrecht Dürers Anbetung der Könige

1504 malt Albrecht Dürer im Auftrag Friedrichs des Weisen seine Anbetung der Könige, die sich heute in den Uffizien in Florenz befindet. Das Gemälde ist ein Geniestreich der besonderen Art. Es ist ein dramaturgischer Kunstgriff.

Seit dem frühen Mittelalter wählten Künstler in großer Anzahl und Vielfalt diese Geschichte zum Bildmotiv. Auch im nächsten Umkreis Dürers setzten sich Maler mit dem Besuch der drei weisen Männer aus dem Morgenland auseinander, wie er im Matthäusevangelium beschrieben wird:

„Und siehe, der Stern, den sie hatten aufgehen sehen, ging vor ihnen her, bis er über dem Ort stand, wo das Kindlein war. Da sie den Stern sahen, wurden sie hocherfreut und gingen in das Haus und sahen das Kindlein mit Maria, seiner Mutter, und fielen nieder und beteten es an und taten ihre Schätze auf und schenkten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe.“

Dürers berühmter Vorgänger Hans Pleydenwurff hatte gut 40 Jahre zuvor bereits ein Gemälde mit diesem Motiv angefertigt. War dieses jedoch noch im Stil der Zeit als wahres Wimmelbild mit über 100 Figuren angelegt, zeigt sich in der kompositorischen Verdichtung Dürers Talent zum dramatischen Geschichtenerzählen. Vor grandioser Hintergrundkulisse konzentriert er sich auf das wesentliche Figurenpersonal im entscheidenden Augenblick.

Durch einige wenige Stufen leicht erhöht, sitzt Maria mit dem Jesuskind auf dem Schoß vor einem Bretterverschlag, in dem sich Ochs und Esel untergestellt haben. In ein dunkelblaues schlichtes Kleid ist sie gehüllt, ihr Haupt bedeckt ein weißer Schleier. Den kleinen Sohn hält sie fürsorglich umfangen. In kindlicher Neugier umklammert er das kostbare Kästchen, das ihm der älteste der drei Könige entgegenhält. Prächtig ist dieser mit Juwelen geschmückt und in rote, pelzverbrämte Gewänder gekleidet. Demütig hat der König seine Krone abgenommen und kniet vor dem göttlichen Kind. Erstaunt, jedoch mit wissendem Blick betrachtet er es aufmerksam. Ganz nah sind sich die Gesichter des Neugeborenen und des alten, bärtigen Mannes. 

Hinter diesem wartet sein Reisegenosse darauf, dem Kinde huldigen zu dürfen. Von dunkler Hautfarbe ist er. Luxuriös gestaltet sich seine Kleidung. Die Beinlinge greifen das Rot der Gewänder des Knieenden auf, der blaue, üppig fallende, Umhang korrespondiert mit dem Kleid der Muttergottes. Seine Hände stecken in feinsten Lederhandschuhen. Bedächtig trägt er ein kostbares, goldenes Gefäß. Geduldig wartet er auf seinen Moment, während sich die hinter ihm befindlichen Assistenzfiguren in der Weite der perspektivisch spektakulär angelegten Landschaft bewegen.

 

Die heimliche Hauptperson jedoch ist der grüne König. In ihm findet die Figurenkonstellation den großen, formalen und koloristischen Höhepunkt. Sein Agieren verbindet die rechte mit der linken Bildhälfte, sein Kolorit vermittelt sowohl zwischen den Figuren als auch dem landschaftlichen Hintergrund. Mit den elegant ondulierten Locken und dem fein geschnittenen Profil lässt sich die Ähnlichkeit dieses Königs mit dem Künstler kaum leugnen. Mit größter Aufmerksamkeit von Dürer gestaltet, steht das Haupt des grünen Königs mit jeder einzelnen Figur in Bezug: Es bildet den exakten Gegenpart zum Kopf des knienden Alten. Es wendet sich dem schwarzen König zu. Es ist das männlich-ausgearbeitete Pendant zum weiblich-typisierten Antlitz der Maria.

Extravagant im Vergleich zur madonnenhaften Schlichtheit ist auch die Pracht des juwelengeschmückten Schulterumhangs. Differenziert und mit liebevoller Sorgfalt gibt der ehemalige Goldschmiedelehrling Dürer die unterschiedlichen Farbtöne des Edelmetalls wieder, die ihren Höhepunkt in dem opulenten Gefäß in der rechten Hand des Königs finden.

Vielleicht hat Dürer dieses koloristische Feuerwerk auch gezündet, um die durchaus verbreitete Meinung zu entkräften, dass er zwar ein Meister der grafischen Linie sei, aber mit Farben nicht umzugehen wüsste. Dieses Gemälde ist sein brillantes Gegenargument.  

Jedoch nicht allein auf koloristischer Ebene zeigt der Nürnberger in diesem Werk zu welch meisterhafter Leistung er fähig ist. So brachte er seine Farben nicht nur mit dem Pinsel auf. Wo nötig drückte er den Daumen in die noch feuchte Materie, um besondere Effekte zu erzielen. Stetig überprüfte er den Prozess seines Schaffens. Er übermalte, korrigierte und veränderte. So zeigen es heutige Röntgenaufnahmen des Bildes.

Akribisch und ambitioniert stellt Dürer sein technisches Können dem Betrachter vor Augen: die Weite des Himmels, die Reiter, die wie im Lehrbuch sich von drei Seiten präsentieren und nebenbei noch die Entfernung der sich in den Hintergrund erstreckenden Landschaft beschreiben, der die Bildebenen vermittelnde Taschenräuber, die minutiöse Genauigkeit der architektonischen Oberflächen, die Nahsichtigkeit der Tiere. Dürer schaut hin und gibt wieder, was er sieht. Dass die Kunst in der Natur stecke und man sie herausreißen müsse, davon war er überzeugt. Dies allein erklärt jedoch die Wirkung eines solchen Gemäldes nicht.

Der Künstler, so scheint es, hat den Betrachter bereits im Auge, wenn er malt. So ist Dürer nicht nur der versierte, eine biblische Geschichte illustrierende Maler. Vielmehr wird er selbst zum geschickten, durch Nuancenreichtum unterhaltenden Erzähler, der sein Publikum kennt und versteht. 500 Jahre Zeitabstand sind hierbei kein Kommunikationshindernis: Mit den kleinen, nahezu illusionistisch gestalteten Details des Vordergrundes lockt er uns an. Ob der perspektivischen Winkelzüge lässt er uns staunen. Die luxuriöse Art der Ausstattung ist eine sinnliche Verführung für unsere Augen par excellence. Der so menschliche Jesusknabe, der für das goldene Kästchen mehr Begeisterung zeigt, als für den mächtigen Mann, der vor ihm kniet, rührt uns. Wir dürfen uns erheitern an einem Ochsen, der versucht, die Haare der Maria anzuknabbern und einem Esel, der die Zähne bleckt und in direkter Nähe zu Mutter und Kind so unheilig schreit.

Dreimal bin ich diesem Gemälde bereits begegnet. An seinem Heimatort in Italien, 2012 im Rahmen der fulminanten Ausstellung zu den frühen Schaffensjahren des Künstlers im GNM und vergangenes Jahr in der nicht minder grandiosen Schau in Wien.

Jedes Mal faszinierte mich dieses Bild auf einer anderen Ebene. Jedes Mal kam ich jedoch zu der gleichen Erkenntnis: Das freudige Ankommen und Erkennen des Gottessohnes auf Erden wird auf die einzige Weise erzählt, die immer zeitgemäß ist.

Dürer erzählt es auf menschliche Weise.

 

FROHE WEIHNACHTEN!

wünscht Teresa Bischoff