Gedanken zu einer sommerlichen Kurzreise nach Berlin

„Guten Morgen Berlin, Du kannst so hässlich sein“, sang der Musiker Peter Fox 2014. Natürlich kann Berlin das. Für drei Tage begeben wir uns jedoch auf die Suche nach den schönen Seiten der Hauptstadt und bemerken gleich zu Beginn, dass auch der Sommer des Jahres 2021 Corona bedingt immer noch anders als gewohnt ist. Wo in früheren Zeiten sich ein bisweilen undurchdringliches Gedränge aus Touristen, Reisegruppen und Anwohnern seinen Weg bahnte, sind die Bürgersteige selbst rund um den Bahnhof Zoo zugänglich und bequem passierbar.  

Am Ankunftstag statten wir co-berlin einen Besuch ab. Drei überdimensionale gelbe Gummienten begrüßen uns bereits vor dem Eingang und geben ein veritables Fotomotiv ab. Die Tiere sind eine smarte Werbestrategie für die Ausstellung send me an image, die sich mit dem kollektiven Bildgedächtnis einer Gesellschaft und der wachsenden Flut digitaler Bilder auseinandersetzt. Trotz ihrer trügerisch-instagramablen Niedlichkeit haben die Enten einen ernsten Hintergrund. Sie sind einer digitalen Parodie entnommen, die ein anonymer Fotograf auf ein ikonisches Bild erstellt hat. Die anrollenden Panzer, denen sich ein mutiger junger Mann am 5. Juni 1989 auf dem Platz des Himmlischen Friedens entgegenstellt hat, wurden durch gelbe große Gummienten ersetzt. Popkultur, Instagram, digitale Verfremdung, politischer Protest und Historie vermischen sich auf irritierende Weise.

Im Obergeschoss verrät die Künstlerin Nadine Ijewere, dass das digitale Zeitalter den Schönheitsbegriff noch nicht ad acta gelegt hat. Von moderner Anmut sind ihre Fotografien, die schöne Frauen in schönen Kleidern auf schöne, bisweilen auch unvollkommene, Weise zeigen.

Wird im 21. Jahrhundert der Schönheitsbegriff immer weiter, diverser und natürlich stets in vermehrtem Maße auch digital diskutiert und ausgelotet, war diese Sachlage in der Spätgotik einfacher. Die am häufigsten dargestellte Frau jener Zeit war weder Schauspielerin, Prinzessin noch Supermodel, sondern die Mutter Gottes. Um ihre Auserwähltheit und Reinheit darzustellen, gab es nur ein Mittel dies zu zeigen: die äußere Schönheit. Für diese prononcierte Art von Marienbildern wurde sogar der Begriff der schönen Madonnen geprägt. Zart und anmutig sind die Gesichter, von weicher Milde erstrahlen ihre Züge, elegant legt sich in üppigen Falten das Gewand um die zierliche Gestalt.

Auch in der Sonderausstellung der Berliner Gemäldegalerie Spätgotik – Aufbruch in die Neuzeit ist die Gottesmutter in vielgestaltiger Art und Weise anzutreffen.

Neben zahlreichen anderen Madonnenbildern begegnen wir einer vertrauten Bekannten aus dem Germanischen Nationalmuseum. Die so mädchenhafte Maria aus der Verkündigungsdarstellung des Konrad Witz sitzt niedergesunken auf dem blanken Dielenboden. Demütig lauscht sie den Worten des Erzengels Gabriel, den augenscheinlich selbst die verschlossene Tür nicht an seinem Auftrag hindern konnte. Mühelos hat er diese durchflogen, um seine wichtige Botschaft, die er als Schriftband bei sich trägt und durch den übergroßen Zeigefinger nochmals verdeutlicht, Maria zu verkünden.

Radikal und neu war die Darstellungsweise des Schweizer Künstlers. Um dem Betrachter unmissverständlich zu vermitteln, dass dieses Geschehen tatsächlich stattgefunden hat, verlegt er die Schlüsselszene weder in ein Schloss noch in einen luxuriös ausgestatteten Wohnraum. Karg und leer umgibt die Magd Gottes stattdessen ihr schlichtes Gemach, dessen einfache Materialien minutiös gezeigt werden. Auch auf Schattenwurf und Lichteinfall legt der Maler allergrößten Wert. Von seinem berühmten niederländischen Kollegen Jan van Eyck hat Witz vermutlich diese künstlerische Vorgehensweise übernommen. Behutsam wird hier eine Tür hin zu einer bildlichen Darstellungsweise geöffnet, die keine zeichenhafte mehr sein wird, sondern sich die gesehene Umwelt und Natur zum Vorbild nehmen wird.

Die Gestalt der Maria hingegen schwelgt noch im spätmittelalterlichen Kanon der Gewandfigur. Üppig umfließt in dichten Falten das dunkelblaue Kleid seine Trägerin. Nahezu keinen Hinweis darf der Betrachter erhaschen von der körperlich-physischen Form der Maria.  Die vom äußeren Erscheinungsbild ausgehende Gestaltung der menschlichen Figur ist ein Kennzeichen der spätgotischen Kunst nördlich der Alpen. Als man in Italien bereits beginnt, sich für Anatomie zu interessieren, sowie das das Äußere bedingende Innere mit in den künstlerischen Prozess einzubeziehen, schwelgt die nördliche Kunst in einer virtuosen Darstellung der Oberflächen, die nicht nur in der Malerei atemberaubend ist.

Nahezu zwingend logisch erscheint es deshalb bei einer solchen Kunstauffassung, dass auch bildhauerische Kunstwerke, wie die vier Evangelisten des Tilman Riemenschneider, ohne Farbfassung gefertigt waren. In ihrer Holzsichtigkeit konnte der Künstler die gesamte Bandbreite seiner Virtuosität hinsichtlich einer Nachahmung der Stofflichkeit zelebrieren. Farbe hätte dies verdeckt. Unter Riemenschneiders talentierten Händen wird das Holz zu feinem Textil, lockigem Barthaar, struppigem Tierfell oder gerunzelten Stirnfalten.

Albrecht Dürer ist der prominente Künstler, der nun das spätgotisch-nördliche und das neue Kunstempfinden zusammenbringen wird. Trefflich ist er deshalb in der Ausstellung mit Werken vertreten, die genau jenen Schritt berückend vor Augen führen. Sein leidender Schmerzensmann ist keine bis an die bildnerischen Grenzen der Erträglichkeit gequälte Symbolfigur, wie so häufig bei mittelalterlichen Darstellungen gesehen, sondern ein Mensch aus Fleisch und Blut. Die Adern treten durch den Schmerz dick geworden unter der Haut hervor, die Finger sind durch die Marter geschwollen. Das Schlimmste, weil Nahbarste, ist jedoch dieser Blick, der das psychische Leid, die Traurigkeit und Verzweiflung eines echten Menschen anzeigt. Natürlich orientiert sich der sehr junge Dürer hier noch an der nördlichen Tradition des Schmerzensmannes. Sein wissenschaftliches Interesse für die menschliche Gestalt, die ihn sein ganzes Leben lang begleiten wird, ist hier jedoch bereits deutlich zu erkennen.

​Der nächste Tag versetzt uns in die 50er Jahre des 20. Jahrhunderts. Im Museum Berggruen kann man derzeit Picasso beim Arbeiten, Leiden, Ringen und Suchen um die Form zusehen. Ausgehend von der Faszination über Delacroix‘ Frauen von Algier, die er im Louvre bestaunt hatte, machte sich Picasso im Winter 1954 an das große Thema der Variation. In insgesamt 15 Ölgemälden, die nicht durchnummeriert, sondern durchbuchstabiert sind, und über 100 Zeichnungen tritt er in Wettstreit mit dem großen französischen Künstlerkollegen aus dem 19. Jahrhundert. Die Werkreihe zeugt von Picassos heftiger Auslotung der Variationsmöglichkeiten nicht nur dieses vorbildhaften Werkes von Delacroix, sondern der Malerei schlechthin. Erstmals seit 65 Jahren ist hier nun ein Großteil der mittlerweile auf der ganzen Welt verstreuten Ölgemälde zu sehen.

 

Von weit hergereist sind nicht nur viele der Exponate unserer letzten Station, sondern vor allem deren Bildmotive. Am dritten Tag der Reise statten wir Rembrandts Orient noch einen Besuch ab im Museum Barberini in Potsdam. Streng und geregelt sind hier die Einlassbedingungen, da die gut vermarkteten Blogbusterschauen stets ausgebucht sind. Von attraktivem, tief dunklem Grün wird man in den ersten Räumen empfangen. Politisch hochkorrekt geben sich die erklärenden Raumtexte. Hier erfahren wir, dass unsere Zeit sich selbstverständlich verabschiedet hat vom eurozentristisch-unterdrückenden Weltbild, das viele der ausgestellten Bilder zeigen.

 

Üppig schwelgt diese Schau im Bilderrausch des Fremden. Sinnlich gehängt, sind die Exponate eine reine Augenlust. Natürlich bemerkt der aufmerksame Betrachter sehr schnell, dass der Großteil der Bilder nicht von Rembrandts Hand stammt. Den Superstar des Gouden Eeuw im Ausstellungstitel so ausschließlich zu nennen ist zwar gewagt, aber verzeihlich ob der exquisiten Werke so zahlreicher anderer kundiger Hände.

Diese lassen sich mit Muße und Geduld bestaunen, was glücklicherweise aufgrund des strikt geregelten Besucheraufkommens gut möglich ist. Wir entdecken im vorsichtigen Halbdunkel, das der Empfindlichkeit der Objekte geschuldet ist, viele Schätze, deren Leuchten nicht nur von den wertvollen Juwelen und schimmernden Seidenstoffen herrührt. Zu den subtilen Kostbarkeiten der Ausstellung gehören natürlich die einzigartigen Radierungen Rembrandts. Wie kein Zweiter hat er sein unnachahmliches Chiaroscuro nicht nur in den Gemälden, sondern auch in seiner Druckgrafik angewandt. Weiß und Schwarz – zwischen diesen Polen entfesselt Rembrandt ein Feuerwerk der Nuancen.

Die Lust an der Verkleidung macht bei diesem Künstler an der eigenen Gestalt am wenigsten Halt und so bewundern wir eines seiner zahlreichen radierten Selbstporträts, das ihn diesmal als orientalischen Krieger zeigt. Vermutlich hat er in seiner eigenen Wunderkammer sogar eine solche Waffe aufbewahrt, mit der er sich hier präsentiert. Passend zur Kostümierung, ist auch das Antlitz von nur gespielter, leicht ironischer Grimmigkeit. Sein Haupt schmückt neben dem bekannten, weich gelockten Haupthaar, das ihm zu eigen war, auch ein Barett mit Straußenfeder. Nah und frontal rückt Rembrandt sich an den Betrachter heran, sodass man den kostbaren exotischen Stoff sowie den kleinteilig gefleckten Hermelinkragen nahezu erfühlen kann, mit welchen er bekleidet ist. Wohl gemerkt: all dies vermag Rembrandt lediglich aus der Metallplatte in minutiöser Technik herauszuarbeiten, um die Vertiefungen dann zu schwärzen und auf das Papier zu drucken.

Ein anderer Künstler fasziniert in einer anderen Technik das staunende Besucherauge.

Willem Kalfs Kostbarkeiten als Stillleben zu bezeichnen, verbietet sich ob der luxuriösen Pracht schon fast. Wie Diamanten aus farbigem Licht schimmern die feinsten Gegenstände: eine leuchtende Orange, eine zarte kleine Porzellanschale, die aufgrund ihrer Zerbrechlichkeit nur ein paar Trauben zur Aufbewahrung erhält, ein üppig achtlos arrangierter, dicker Orientteppich sowie der prächtige Nautiluspokal nehmen die Sinne gefangen.

Selten wurde in der Kunst die Schönheit der Dinge so zelebriert und gefeiert wie in diesen Gemälden.

Ja, wir haben sie gefunden, die schönen Seiten Berlins.