Gedanken zur Ausstellung „Raffael in Berlin“ in der Gemäldegalerie

Über die Sixtinische Madonna von Raffael sagte Dostojewski: „Ich muss dieses Gemälde ansehen, um nicht am Menschen zu verzweifeln.“ Der russische Schriftsteller hatte eine Reproduktion des Bildes in seinem Arbeitszimmer, um es täglich betrachten zu können. In der Kunstgeschichte ist ein Kunstwerk, das mit seiner Schönheit und Wahrheit die gesamte Menschheit verteidigt, vermutlich einmalig. Sicherlich bildet diese heute in Dresden befindliche Darstellung der Muttergottes mit dem Jesuskind, flankiert von Sixtus II. und der Hl. Barbara, einen Kulminationspunkt im Schaffen Raffaels. Sie ist der Inbegriff all der Marienbilder, für die Raffael bereits zu Lebzeiten berühmt war.

 

Zum 500. Todestag des 1483 in Urbino geborenen Künstlers zeigt die Berliner Gemäldegalerie die Vorgängerinnen der Sixtinischen Madonna. Fünf Mariendarstellungen aus der frühen Schaffenszeit Raffaels hat das Berliner Museum in den Jahren 1821 bis 1854 erworben. Die Zeitspanne der Ankäufe deckt sich mit einer allgemeinen Raffaelbegeisterung, die sich im gesamten deutschsprachigen Raum zu Beginn des 19. Jahrhunderts ausbreitete und auch der Münchner Pinakothek zu einigen Neuerwerbungen verhalf.

 

Auch wenn Raffael zu den wenigen Künstlern gezählt werden darf, der sich durch eine kontinuierliche Vorbildhaftigkeit durch alle Stilepochen hindurch auszeichnet, so bildet die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts diesbezüglich doch einen Höhepunkt.

 

Im Zuge der beginnenden Romantik hatten die beiden Freunde Wilhelm Heinrich Wackenroder und Ludwig Tieck 1796 ein Büchlein mit dem schönen Titel „Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders“ herausgegeben. Schwärmerisch finden sie darin die fiktive Erklärung für die überirdische Schönheit der raffaelitischen Madonnen: Die Gottesmutter selbst war dem Künstler in einer Vision erschienen, weshalb dieser unverfälscht und unmittelbar ihre göttliche Erscheinung abbilden konnte.

 

Heute fällt die Herkunftserklärung der Motive und Kompositionen Raffaels selbstverständlich weit weniger romantisch aus. Durch vergleichendes Sehen und technische Untersuchungen verfolgt die Berliner Ausstellung methodisch und wissenschaftlich korrekt den Entstehungsprozess ihrer Exponate. Raffaels Ansatz, stets von seinem künstlerischen Umfeld zu lernen, wird dabei sehr deutlich. Bereits Giorgio Vasari hob den Begriff des studio in seinen Erläuterungen über den Künstler hervor. Mit großem Lerneifer studierte der junge Maler sowohl die alten Meister als auch seine Zeitgenossen. Der spätere paragone, der vergleichende Künstlerwettstreit, findet hier seine Vorstufe. In jenen Schaffensjahren Raffaels ist die Lernrichtung jedoch noch einseitig. Erscheinen die frühen weiblichen Heiligen und Madonnen mit ihren sanftmütigen Gesichtern wie Schwestern von Peruginos Mariendarstellungen, weicht dieser Einfluss seines Lehrers mit Raffaels Übersiedelung nach Florenz 1504. Hier lernt er von den Besten. Hier studiert er Michelangelo und Leonardo. Mit diesen beiden wird er einige Jahre später zum Dreigestirn eines einmaligen Höhepunktes innerhalb der Kunstgeschichte erhoben.

Für Raffaels Art zu arbeiten und sich dabei von den Kollegen inspirieren zu lassen steht exemplarisch die um 1505 entstandene Madonna Terranuova. Ursprünglich war dieses Tondo als rechteckige Komposition angelegt. Unter dem Einfluss der Rundbilder Michelangelos entschloss sich Raffael ebenfalls für diese Form. Die daraus resultierende kompakte pyramidal angelegte Figurenkonstellation sowie die intensivere Tiefenerstreckung im Bildhintergrund sind seine eigenständigen Schlussfolgerungen.Von Leonardo übernimmt Raffael sowohl die weiche Farbbehandlung des sfumato als auch ganz konkrete Motivdetails. So greift die Muttergottes des Tondo Terranuova nicht mehr wie ursprünglich vorgesehen nach dem Füßchen ihres Sohnes, sondern bewegt ihre Hand anmutig und grazil in der Luft. Leonardo hatte diese Geste in seiner Madonna mit der Spindel vorgebildet.Wenige beherrschten mit solcher Bravour ein künstlerisches Verfahren, das sich im Erkennen des Besten und dessen eigenständiger Aneignung ausformulierte. Dennoch stellt diese Methode nur die Grundlage für ein ästhetisch-künstlerisches Phänomen dar, für das jede Zeit ihre eigenen Erklärungsversuche hat. Allen voran Giorgio Vasari, der bereits im 16. Jahrhundert die Einzigartigkeit Raffaels hervorhob. In seinen Ausführungen konstatierte der Künstler und Kunsttheoretiker, dass er nicht den Begriff der venustà, also der kunstimmanenten Schönheit, für Raffael und seine Bilder verwendet wissen möchte. Vielmehr verkörpere der früh verstorbene Urbinate mit seinem Werkschaffen den Inbegriff der grazia. Diese Eigenschaft basiert auf den Tugenden der Seele und stellt die Verbindung von ästhetischem und moralischem Ideal dar. Im platonischen Sinne ist sie in der Lage Liebe hervorzurufen, die wiederum Ausgangspunkt für das Streben nach Wissen und demzufolge moralischer Vollkommenheit ist.Nichts anderes hat auch Dostojewski 300 Jahre später mit seiner Aussage zur Sixtinischen Madonna formuliert.

Literaturempfehlung

Dagmar Korbacher (Hrsg.): Raffael in Berlin. Die Madonnen der Gemäldegalerie. Die Meisterwerke aus dem Kupferstichkabinett. Berlin 2020.Giorgio Vasari: Das Leben des Raffael. Neu übersetzt von Hana Gründler und Victoria Lorini. Berlin 2004.