Laudatio Kai Klahre

„Am Anfang steht doch immer die Zeichnung“, mit diesem Satz verabschiedete mich Kai letzte Woche, als ich einmal wieder die Freude hatte, sein Atelier in Nürnberg besuchen zu dürfen, um mich auf diese Laudatio heute vorzubereiten.

Kai Klahres Atelier gleicht einer modernen Wunderkammer. So sehr dieser Begriff in letzter Zeit auch überstrapaziert worden ist, auf diesen besonderen Raum in dem schönen Atelierhaus in der Nürnberger Südstadt trifft er zu.

Man hat den Eindruck als werfe man einen direkten Blick in des Künstlers inwendiges Kunstschaffen. Vollendete und halbfertige Bilder an der Wand hängend oder am Boden lehnend, mysteriöse kleine Figuren, die wie den großformatigen Gemälden entstiegen zu sein scheinen und nun ein selbstständiges Eigenleben führen, die Gipsmaske von Adolph Menzel, dem Großmeister der Zeichnung aus dem 19. Jahrhundert, Fotografien, Zeichnungen, die sich teilweise übereinander legen, weil ihnen die Fläche zu flächig geworden ist, all das ist dort in einem hochästhetischen Chaos anzutreffen.

So wild und zufällig dieses Arrangement auf den ersten Blick wirkt, so klar ist doch, dass es eine ordnende Hand und einen virtuosen Kopf gegeben hat, die dieses fulminante Zusammenspiel erschaffen haben.

Ich möchte dieses Bild des Ateliers nutzen, um es auch auf die einzelnen Arbeiten des Künstlers zu übertragen. Denn in seiner komplexen Vielschichtigkeit wirkt dieser Raum wie die größere, dreidimensionale Version der Bilder von Kai, die in außergewöhnlicher Simultanität sowohl formal als auch inhaltlich, vieles vereinbaren, was auf den ersten Blick so gegensätzlich erscheint.

So finden wir als Motiv der Einladung zur heutigen Vernissage den namengebenden Samurai dieser Ausstellung. Musste sich sein Abbild für die Karte der Zweidimensionalität des Formates beugen, so ist das Original in dieser Hinsicht vielschichtiger.

Ein japanischer Krieger, vor allem dann, wenn er sich gegen einen freundlichen, großen Dodo zur Wehr zu setzen hat, braucht Platz. Wild und entschlossen zeigt sich der Samurai in seinem Tun, vielleicht sogar etwas zu dynamisch im Angesicht des ihn fast ironisch anlächelnden Tieres. Raffiniert stapelt Kai Klahre deshalb nicht nur die unterschiedlichen Motivelemente zeichnerisch hinter- und nebeneinander, sondern kommt diesem Verfahren auch in der Materialität des Papiers nach, in dem er der handelnden Figur eine regelrechte kleine Bühne gestaltet. Der für gewöhnlich der grafischen Linie untergeordnete Bildträger Papier verlässt seine Rolle und wird selbst zum optischen Akteur.

Kämpft der Samurai leicht überambitioniert gegen einen flugunfähigen Vogel, so erstaunt im Gegensatz dazu die legere Haltung des in dieser Ausstellung gezeigten Orpheus um so mehr. Bekanntlich nicht mit einem Happy End seiner Liebe zu Eurydike beschenkt, steht dieser, trotz seines Unglücks, rauchend mit freiem Oberkörper und abgenommenen Hosenträgern vor seiner Hütte. Lässiger kann man sich vermutlich nicht mit dem eigenen Schicksal abfinden und dabei seinen Gedanken und Erinnerungen nachhängen. Eine gewisse Erleichterung ist es in solchen Gefühlslagen sicherlich, stets ein paar bunte Luftballons zur Hand zu haben. Diese fliegen gerne zwischen den unterschiedlichen Werken Kai Klahres hin und her, da sie ja auch vielfältig einsetzbar sind.

Frau Holbein beispielsweise feiert gerne alleine mit einem bunten Strauß Luftballons – in Ermangelung ihres Ehemannes, der sich gerade anderweitig beschäftigt in England aufhält. Sicherlich eine gute Wahl!

Lediglich beim Sammeln von Kaktusstacheln wären die fragilen Gebilde etwas störend, müsste man doch stets Sorge tragen, dass sie keinen Schaden nehmen. So verzichten die beiden Sammler vernünftigerweise auf die Ballons und können sich ungestört und hochkonzentriert ihrer wichtigen Tätigkeit widmen.

Kai Klahre erzählt mit und in seinen Bildern Geschichten. Aber wie jeder gute Erzähler erstaunt er dabei seine „sehenden Zuhörer“ stets mit ungeahnten, unvorhersehbaren Wendungen. Oder würden Sie die Queenbee, also die begehrteste und schönste einer Frauenclique, erschöpft und mit bequemen Adidasschuhen angetan, im Sessel schlafend vermuten? Und in welcher historischen Abhandlung würden wir wohl etwas über die blutige Nase erfahren, die Jan Hus sich vermutlich auch geholt hat?

Mit disinvoltura, jener Eigenschaft, die sich nur schwer mit dem deutschen Begriff eleganter Leichtigkeit übersetzen lässt, wandert Kai Klahre auf leichtfüßige Weise und mit feinsinnigem, zarten Humor durch die Geschichte der Kunst, zeigt uns ungewöhnliche Seiten der antiken Mythologie auf oder betrachtet den heutigen Menschen in seinem kleinen Alltag. Überall jedoch entdeckt er den besonderen Moment, der das Bekannte anders erscheinen lässt. Sein radikal subjektiver, mit hochkünstlerischem Anspruch versehener, stets jedoch durch und durch menschenfreundlicher Blick auf das große Ganze oder auch das kleine Detail zeichnet die Einzigartigkeit und Wiedererkennbarkeit seiner Bilder aus.

Kai Klahres Werke lassen sich nicht einordnen. Sie zwingen uns ihre Ambiguität regelrecht auf in ihrer vielschichtigen Vielfalt: sie sind realistisch, sie sind abstrakt, sie sind menschlich, sie sind anrührend, sie sind phantastisch, sie sind erzählend, sie sind klar verständlich, sie sind geheimnisvoll, sie sind modern, sie sind zeitgenössisch.

Sie verknüpfen die unterschiedlichen Gattungen miteinander und sie spannen sowohl Verbindungslinien vom Großen ins Kleine als auch von der Gegenwart in die Vergangenheit und wieder zurück.

Auf unheimlich kluge Weise sind seine Werke nicht nur motivisch, sondern auch strategisch zutiefst in der Kunstgeschichte verwurzelt. Alle genannten Aspekte und Facetten seines Kunstschaffens fußen nämlich auf EINER Grundlage, wie es seit Beginn der Renaissance postuliert wurde: der Zeichnung. Und diese beherrscht Kai Klahre sowohl in einer geistigen Durchdringung, als auch in der händischen Ausführung so brillant, wie nur sehr wenige zeitgenössische Künstler es tun.

„Die Zeichnung ist die schwierigste Aufgabe, denn die Kontur muss so herumgeführt werden und so aufhören, dass in ihr ein Versprechen dessen liegt, was dahinter ist, und sie auch das zeigt, was sie verbirgt.“ Bereits in der Antike beschreibt Plinius diese einmalige künstlerische Herausforderung.

Die Fähigkeit zu einem virtuosen Disegno, wie die Zeichnung im Italienischen genannt wird, avancierte dann in der Renaissance zum Inbegriff der künstlerischen Qualität. Auch Leonardo da Vinci setzte sich mit der ambivalenten, und deshalb so schwierigen, Wesenhaftigkeit der Zeichnung auseinander, die trotz ihrer Klarheit so schwer zu definieren war: „Linien gehören nicht zum Umfang der Oberfläche eines Objekts. Und sie gehören auch nicht zu der Luft, die diese Oberfläche umgibt.“

Diskutierten sowohl der antike Autor Plinius, als auch das Universaltalent des 16. Jahrhunderts, Leonardo, die Ambiguität der Zeichnung, holt Giorgio Vasari, einer der wichtigsten Kunsttheoretiker, sie wieder auf den Boden der Tatsachen. Er schlichtet mit der Einführung des universalen Disegnobegriffs den bis dato in der künstlerischen Intelligentia Italiens tobenden Paragonestreit. Die Frage welche der Kunstgattungen denn nun die höchstrangige sei, beantwortet er mit dem Diktum der drei Schwesternkünste, die allesamt vom gleichen Vater abstammten, dem Disegno:

„Die Zeichnung (disegno) der Vater unserer drei Künste, Architektur, Bildhauerei und Malerei, geht aus dem Intellekt hervor. Die Zeichnung ist nichts anderes (...) als eine anschauliche Gestaltung und Klarlegung der Vorstellung (...) was ein anderer sich im Geiste vorgestellt und in der Idee hervorgebracht hat.

So kommt es, daß die Zeichnung nicht nur in den menschlichen und tierischen Körpern, sondern auch in den Pflanzen, Gebäude, Skulpturen und Gemälden das Maßverhältnis des Ganzen in Bezug auf die Teile sowie das Maßverhältnis der Teile untereinander und zum Ganzen erkennt.“

Knapp 500 Jahre später lässt Kai Klahre diesen universalen Vasarischen Gedanken visuell erfahrbar werden in seinen Werken. In jeder Skizze, in jeder Zeichnung, in jedem Gemälde und in jeder Figur bekommen wir nicht nur einen Eindruck der meisterhaften handwerklichen Fähigkeiten, sondern auch einen Einblick in die kluge, feinsinnige, humorvolle, neugierige und stets dem Menschen zugewandte Gedanken- und Vorstellungswelt dieses außergewöhnlichen Künstlers.