Gedanken zu einer Reise ins Veneto

Für gewöhnlich war es nicht Napoleons Art, anderen das Feld zu überlassen. Im Falle des kleinen Städtchens Asolo, das sich rühmt, einer der schönsten Orte Italiens zu sein, musste er dies jedoch tun. Das Andenken an zwei berühmte Frauen überstrahlt heute bei weitem das seinige.

Nur eine kleine Tafel an einem Haus, die besagt, dass der spätere Kaiser der Franzosen hier am 10. März 1797 genächtigt hat, erinnert an den kriegerischen Korsen. Eine immer noch beeindruckende Burganlage hingegen zeugt von der langjährigen Anwesenheit Caterina Cornaros in Asolo. Diese wurde als Tochter eines einflussreichen Patriziers aus dem Hause Corner 1454 in Venedig geboren und durch Vermählung mit Jakob II. Königin von Zypern. Nach dem Tode ihres Gatten, wenige Monate nach der Hochzeit, übernahm sie die Regentschaft, welche jedoch kurz danach unglücklich endete. Sie kehrte nach Italien zurück und wurde mit der Burg in Asolo entschädigt, wo sie 20 Jahre wohnte und sich standesgemäß mit Dichtern, Poeten und Gelehrten umgab.

 

Einige hundert Jahre später wählte eine andere, ebenfalls geistreiche Frau die kleine Stadt am Fuße der Alpen zu ihrem bevorzugten Aufenthaltsort und wurde dort 1924 auch bestattet. Eleonora Duse, die berühmte Schauspielerin, ist bis heute im Stadtbild präsent. Sowohl ein Hotel als auch ein Café ehren die große Mimin mit ihrer Namenswahl.

Auch ich verbringe einige Tage an diesem malerischen Ort, beginne jedoch weder einen Feldzug, noch nehme ich dauerhaftes Exil hier, sondern nutze die komfortable Lage um „an des Palladio Werken zu schwelgen,“ wie schon Goethe es in seiner italienischen Reise tat.

 

Wie Perlen an einer elegant geschwungenen Kette reiht sich eines dieser architektonischen Wunderwerke an das andere. Für die Wohlhabenden früherer Zeiten baute der berühmte Architekt Andrea Palladio und eine Vielzahl von Nachahmern zum angenehmen Aufenthalt auf dem Lande diese großzügigen Häuser. Oft beschrieben wurde deren harmonische Ästhetik und Schönheit. Für Palladio selbst resultiert ihre Perfektion der Form „aus der Übereinstimmung des Ganzen mit den Teilen, so dass ein Gebäude als ein Körper mit vollkommenen Proportionen erscheint, in dem jedes Glied von Standpunkt des ganzen Körpers notwendig ist.“

 

Unübertrefflich hinsichtlich dieser Stringenz ist die um 1570 errichtete Villa Rotonda, die auch Goethe 1786 besichtigte und von ihr schrieb: „Die Baukunst hat möglicherweise noch nie einen solchen Grad an Herrlichkeit erreicht.“ Über deren Inneres konstatierte er hingegen: „Inwendig kann man es wohnbar, aber nicht wohnlich nennen“.

Ob nun wohnbar oder wohnlich, bewohnt werden einige der Villen tatsächlich bis heute. In unmittelbarer Nähe zur Rotonda liegt die 1670 fertiggestellte Villa Valmarana, welche sich seit exakt 300 Jahren in Familienbesitz befindet. Auf der den reizenden kleinen Park umgebenden Mauer werden wir von einer Riege Zwergenskulpturen begrüßt. Diese gaben der Villa auch ihren Zweitnamen „ai Nani“, was „zu den Zwergen“ bedeutet. Denn ausschließlich nur mit Zwergen, so erzählt die traurig-schöne Legende, wuchs einst eine kleinwüchsige Prinzessin auf, deren Eltern sie in die früher an diesem Ort befindliche Burg gesperrt hatten, um sie vor der Außenwelt abzuschirmen und ihr so das Wissen um ihre Andersartigkeit vorzuenthalten. Durch einen tragischen Zufall drang jedoch eines Tages die Wahrheit ins Innere ihrer Gemächer. Aus Verzweiflung stürzte sich das Mädchen von einem Turm. Die Zwerge sollen daraufhin vor Kummer zu Stein erstarrt sein.

Weitaus fröhlicher geht es im Innenraum des früheren Gästehauses, der Foresteria, zu. Hier tanzen leichtfüßig Mädchen, freche Putten balgen sich mit Papageien und eine elegante Gesellschaft lässt sich von Schaustellern unterhalten. Giandomenico, der Sohn des berühmten Gianbattista Tiepolo, durfte seiner genrehaften Phantasie in den Räumen freien Lauf lassen. Im Haupthaus, der Palazzina, hingegen treffen wir in den mythologischen Fresken auf die Genialität des Vaters, dessen koloristische Meisterschaft, gepaart mit seiner einzigartigen Weise exklusiv-illusionistische Perspektiven zu erschaffen, stets aufs Neue fasziniert.

Ein anderer hatte bereits 400 Jahre zuvor in Padua dieser malerischen Technik zu einem einmaligen Höhepunkt innerhalb der Kunstgeschichte verholfen. Giottos Fresken der Lebensgeschichte Jesu und seiner Vorfahren in der Scrovegni-Kapelle erstaunen selbst heute noch unsere von Bildern übersättigten Augen: die verhaltene Freude und fürsorgliche Vorsicht der Maria während des Besuches der Hl. Drei Könige, das Leiden der Mütter in der Szene des bethlehemitischen Kindermordes, der verräterisch zum Kuss geformte Mund des Judas werden mit bis dato nicht gesehener Lebensnähe geschildert.

Der Erschaffer dieser Werke gilt gemeinhin als Schlüsselfigur eines tiefgreifenden Wandels innerhalb der Kunstgeschichte. Die Auffassung, was ein Bild leisten kann, wird in jener Zeit um 1300 revolutioniert. Die Öffnung der Malerei in die Neuzeit beginnt.

 

Das Studium antiker Texte zur Optik weckte die wissenschaftliche Neugier am Sehen, das als sinnlicher Vorgang zunehmend positiv konnotiert wurde. In der Universitätsstadt Padua waren jene neuen Erkenntnisse auch für Künstler verfügbar. Ziel der Malerei war es nun, das Gesehene mit dem eigenen Jetzt zusammenzuführen, die Differenz zwischen Bild und Wirklichkeit zu minimieren. Der Gegenstand im Bild war nun nicht mehr wie in früheren Zeiten, künstliches Zeichen für einen Gegenstand, sondern so gestaltet, dass er mit den gleichen Wahrnehmungsoperationen wie der Gegenstand selbst gesehen werden konnte. Bis dahin war der Betrachter gefordert, das was er sah, zu ergänzen und in seine Wirklichkeitsvorstellung zu übersetzen. Bei Giotto ist nun dieser Akt des Transportierens nicht mehr nötig, da er alles darstellt, wie es in unserer Wirklichkeitsvorstellung ist.

Ab jener Zeit waren Bild und Betrachter unabdingbar konzeptionell aufeinander bezogen. Die Bildwelt wurde als Fortsetzung der realen Wirklichkeit vorstellbar.

Lediglich 20 Minuten wird es uns erlaubt die revolutionären Innovationen des Ausnahmetalents zu bestaunen, bevor die fragile Kunst sich von den maximal 10 Besuchern, die gleichzeitig die Kapelle betreten dürfen, wieder erholen darf. Der Eindruck bleibt. Enrico Scrovegnis Memoria Ambitionen haben auch nach 700 Jahren nichts von ihrer Wirkmacht verloren.

Unsere Reise endet in Venedig. Wir lassen uns treiben durch eine Stadt, der man die Strapazen der sonst 30 Millionen Touristen im Jahr zwar anmerkt, die jedoch ob der Corona bedingten Reisebeschränkungen wieder langsam zu atmen beginnt. Ohne Mühe gehen wir an der Promenade entlang, streifen durch kleine leere Gassen, um zum Ziel des Spaziergangs zu gelangen. Gäbe es nur einen Ort in dieser Stadt, den ich besuchen dürfte, so wäre es diese Kirche: Santa Maria Gloriosa dei Frari. Von ihrer äußerlichen Unscheinbarkeit sollte man sich nicht täuschen lassen. Ihre innere Leuchtkraft strahlt einzigartig. Selbst von der Reproduktion der zwischen 1516 und 1518 erschaffenen Assuntà, der Himmelfahrt Mariens, (das Original wird derzeit restauriert) erhält man einen Eindruck vom brillanten und effektvollen Gedanken Tizians. Durch die radikale Reduzierung auf ein großformatiges Altarbild – satt vieler kleiner im Rahmen eines Polyptichons – wird der Gläubige bereits vom Kircheneingang aus in Bann gezogen. Aber nicht nur das Format überwältigt, auch der Inhalt ist groß: das Irdische verbindet sich mit dem Himmlischen.

Auf dem Weg durch das Langhaus begegnen wir im linken Seitenschiff der zauberhaften, ebenfalls von Tizian ab 1519 erschaffenen, Pesaro Madonna, die so ungewohnt – und zum ersten Mal in der Kunstgeschichte – aus dem Zentrum gerückt ist. Ihre zarten Bemühungen, sich um das lebhafte Kindlein zu kümmern, rühren genauso wie der Kontrast dieser feinen jungen Frau zu den mächtigen Säulen des Hintergrundes. Sowohl kompositorisch als auch koloristisch denkt Tizian in seinen Werken den Barock vorweg.

Von ihrem angestammten Platz im würdevollen Zentrum leuchtet Giovanni Bellinis Muttergottes im schützenden Goldrahmen in der kleinen Sakristei. Ihre funkelnde Kostbarkeit verdankt sie den besonderen Farbpigmenten, die nur die vendecolori, die Farbenverkäufer Venedigs, im Angebot hatten. Umgeben im Sinne einer sacra conversazione werden die Gottesmutter und ihr Kind von den Hll. Petrus, Nikolaus, Benedikt und Markus.

Albrecht Dürer trug deren würdevolle Charaktere mit seiner Komposition der Vier Apostel bis nach Nürnberg. Er bezeichnete Bellini als einen der besten Maler seiner Zeit. Auch die persönliche Begegnung des italienischen Künstlers mit seinem nördlichen Kollegen war legendär. Ungern nur reiste der Nürnberger wieder ins Frankenland: „Oh wie wird mich nach der Sonne frieren; hier in Venedig bin ich ein Herr, daheim bin ich ein Schmarotzer.“ Nun, ganz so schlimm ist es dann doch nicht gewesen …