Gedanken zu einem Ausflug nach Vierzehnheiligen

So wunderbar es auch wäre, aber natürlich verschwindet ein Virus nicht nur deshalb, weil am Ende der Jahreszahl nun keine 0 mehr steht, sondern eine 1. Und so bleiben auch im Januar 2021 die Orte rar, an denen man der Kunst noch begegnen darf. Wenige sind es zwar, dafür haben wir uns aber einen besonders prachtvollen ausgesucht. An einem Wintertag wie aus dem Bilderbuch fahren wir nach Oberfranken und besuchen Vierzehnheiligen.

Malerisch verschneit liegt das Kloster auf der Anhöhe. Selbst das Baugerüst kann der Erhabenheit der Zweiturmfassade des auf Fernwirkung ausgerichteten Gotteshauses nichts anhaben.

Genau an der Stelle der heutigen Wallfahrtskirche hatte sich im September des Jahres 1445 die erste Wundererscheinungen zugetragen. Gleich vier Mal in unterschiedlichen Zeitabständen war einem Schäfer das Jesuskind auf freiem Felde sitzend erschienen. Im Juni 1446 sprach es, von den sogenannten 14 Nothelfern in Kindergestalt umringt, sogar: „Wir sind die 14 Nothelfer und wollen eine Kapelle haben, und wollen auch gnädiglich hier rasten.“ Als kurz darauf eine Wunderheilung an diesem Ort stattfand, entschloss man sich für die bald einsetzende Wallfahrt eine erste Kapelle zu errichten.

Lang und mühevoll waren die darauffolgenden Jahre und Jahrhunderte bis das heute noch an dieser Stelle sich befindliche Gotteshaus gebaut werden konnte. Denn schwierig waren nicht nur die örtlichen geologischen Verhältnisse. Auseinandersetzungen hinsichtlich der Zuständigkeiten behinderten den Baufortgang. Zudem hätten die architektonischen Vorstellungen der involvierten Parteien bisweilen unterschiedlicher nicht sein können. Letztendlich gelang Balthasar Neumann jedoch ein Bravourstück, das in nichts mehr daran erinnert, dass die Planung und Errichtung der nach 29-jähriger Bauzeit 1772 geweihten Kirche so konfliktreich gewesen war.

Von außen verrät die strenge, aus gelbem Sandstein errichtete Zweiturmfassade nichts von der leichtfüßigen Rokokopracht, die das Auge betört, sobald man den Innenraum betreten hat. Keine einzige gerade Linie, sondern luftig wirbelnde Zartheit empfängt den staunenden Besucher selbst an einem schneereichen, sonnenlosen Januartag.

Die teils überlappende Aneinanderreihung von Ovalen im Grundriss, der Lieblingsform der Künstler bereits im Barock, schafft ein einmaliges Raumgefühl. Wie jubilierende Wellen setzen sich die kurvierten Linien des Gebäudes bis ins Gewölbe fort, dessen Gurtbögen sich mittig treffen, um an den Rändern wieder auseinanderzuschwingen. Sphärisches Gewölbe wird dieser bauliche Kunstgriff genannt, der den Besucher solcher Räume vergessen lässt, dass Architektur eigentlich aus dem Grundprinzip des Tragens und Lastens besteht. Auch in der in nächster Nachbarschaft gute 60 Jahre zuvor errichteten Klosterkirche von Banz oder in der Würzburger Hofkapelle findet sich diese barocke Innovation. In Vierzehnheiligen fügen sich die Gewölbefresken – nach Zerstörung und Restaurierung befinden sie sich leider nicht mehr im Originalzustand – jedoch besonders frei in die großzügig durch die Kurvierungen entstandenen Deckenflächen. Sie nehmen die in allen Zonen des Gotteshauses vorherrschende Rokokofarbigkeit auf. Weder koloristische Dunkelheit noch terrestrische Schwere entfalten sich in der Höhe. Vielmehr zeigen sich zarte Figuren von feingliedriger Eleganz, die mit Leichtigkeit in die himmlischen Gefilde enthoben sind. Sie erzählen von der Heiligsten Dreifaltigkeit, die von der Jungfrau Maria und den 14 Nothelfern begleitet wird. Zarte, graublaue Rocaille umfängt das gewaltige Fresko. Das für das Rokoko so typische Ornament wird aus muschelförmigen und vegetabilen Formen gebildet. Es zeigt beispielhaft die Verdrängung der im Barock stets angestrebten achsialen Strenge zugunsten einer luftigen und verspielten Asymmetrie.

In Vierzehnheiligen jedoch ist die Rocaille zu ihrer größten Blüte gelangt. Sie überzieht den Innenraum der Kirche nicht nur wie ein üppiges luxuriöses Spitzenkleid, sondern manifestiert sich auch monumental und einzigartig im zentralen Gnadenaltar, für dessen Konzeption der Künstler J.M. Feichtmayr verantwortlich zeichnet. Mittig gesetzt nimmt der Altar die zentrale Position innerhalb der Kirche ein und sorgt so für einen störungsfreien Strom der Pilgerscharen. Aber nicht nur formal, sondern auch ikonologisch ist dieser Altar das Zentrum der Kirche. Genau an dieser Stelle hatte sich die Wundererscheinung zugetragen. Nun gruppieren sich die 14 Heiligen auf der architektonisierten Rocaille. Die Spitze wird vom Jesuskind in vierfacher Ausführung gekrönt. Mit filigraner Mächtigkeit trägt der Altar die weißgoldenen Figuren, deren äußere Erscheinung und Oberflächengestaltung an Porzellan erinnern soll. Erst kürzlich hatte man in Europa die Herstellungsweise dieses kostbaren, deshalb umso begehrteren, bislang nur aus Asien importierten Materials entdeckt. Schnell wurde eine porzellanene Optik auch bei Großplastiken Mode. In freundlich strahlendem Weiß scheinen selbst die grausam gefolterten Heiligen ihr Martyrium mit rokokohafter Heiterkeit zu ertragen. Meist verweist der erlittene Märtyrertod auf die Krankheit oder Not gegen die der Heilige anzurufen ist. So soll der geköpfte Dionysius gegen alle Arten von Kopfschmerz helfen. Die kluge Katharina hingegen steht bei, wenn es beim Studieren an intelligenten Gedanken mangelt.

Einen jedoch haben wir schmerzlich vermisst: den 15. Heiligen, der die Welt von einer Pandemie befreit.