Gedanken zur Ausstellung „Renoir. Rococo Revival“

Im Städel Museum Frankfurt

„Marivaux verbringt sein Leben damit Nichtigkeiten auf Waagen aus Spinnweben zu wiegen.“ Auch wenn dieser hübsche Aphorismus aus der Feder Voltaires über seinen Schriftstellerkollegen vermutlich nicht nur wohlwollend gemeint war, so beschreibt er das Wesen der federleichten Zeit des beginnenden 18. Jahrhundert doch überaus treffend. Nach dem Tode Ludwigs XIV. 1715 ging ein Aufatmen durch die Adelsgesellschaft Frankreichs. In der nachfolgenden Interimszeit der Régence begann sich die unter der Regierungszeit des Sonnenkönigs etablierte strenge, auf öffentliche Repräsentation ausgerichtete Disziplin des höfischen Protokolls zu lockern. Die Sitten wurden freier, die Kleider verspielter, die Farben zarter, die Bilder heiterer.

 

Antoine Watteau verstand es am trefflichsten diese neue Zeit künstlerisch umzusetzen. Mit seiner neuen Bildgattung des fête galante brachte er das Lebensgefühl des Rokoko virtuos und duftig auf den Punkt: in verwilderten Parklandschaften treffen sich verliebte Paare und frönen dem vergnüglichen Müßiggang, indem sie sich allerliebst als Schäferinnen und Schäfer verkleiden oder auf kleinen Schaukeln durch die hellblaue Luft fliegen. Die adelige Oberschicht suchte luxuriöse Einfachheit in einer künstlich konstruierten Natürlichkeit, die mit der Alltagsrealität der tatsächlich einfachen Bevölkerung nicht nur rein gar nichts zu tun hatte, sondern auf deren Ausbeutung beruhte.

 

Im Zuge der revolutionären Ereignisse von 1789 sowie der nachfolgenden Jahrzehnte, die nicht anders als eine Zeitenwende beschrieben werden müssen, wurde die Kultur des Rokoko als Symbol des blutig überwundenen Ancien Régime verdammt. Eine erste wirkliche Renaissance erlebte die Kunst des frühen 18. Jahrhunderts erst nach den kriegerischen Auseinandersetzungen 1870/71 mit Deutschland. Man betrachtete nun den Stil des vorrevolutionären Frankreich als Ausdruck der gloire française, der ruhmreichen französischen Zeit, deren savoir vivre damals in ganz Europa als vorbildhaft galt. Dieser letzte höfische Stil vor dem Beginn der Moderne wurde nun als identitätsstiftender Faktor angesehen und zu neuem Leben erweckt.

 

So bemalte der junge Renoir, der sich zum Porzellanmaler hatte ausbilden lassen, feinste Vasen mit Rocailles, Liebespaaren und Tieren in Rokokomanier. Sowohl den Ornamentstil als auch die Vorliebe für dekorative Petitessen aus Porzellan schaute man sich vom frühen 18. Jahrhundert ab. Aber nicht nur das Kunsthandwerk orientierte sich an der Vergangenheit. Auch die Kleidermode wurde nach dem am antiken schlichten Gewand orientierten Empirestil wieder ausladend und üppig. Sie nahm Schnitte und Farben auf, die bereits das Rokoko schätzte. Die modebewusste Dame, wie sie sich auch häufig auf Renoirs Gemälden findet, wählte eine Silhouette mit eng geschnürter Taille, viel Dekor und vor allem einer äußerst betonten Rückpartie.

 

„Was ich an den Frauen liebe, ist der weibliche Charme.“ Renoir hat sie ein Leben lang mit feinen, leichten Pinselstrichen liebevoll auf die Leinwand gebannt. Modisch gekleidet aber gerne auch nackt, lesend, musizierend, schaukelnd oder dem Nichtstun frönend. Bis heute gilt Renoir als Frauenmaler, so wie die Zeit des Rokoko als eine weibliche Epoche galt. Der von der Aufklärung durchdrungene, von moralischen Maximen getragene Klassizismus mit seiner männlich strengen Formensprache wurde später nicht müde dies zu kritisieren. Auch Renoir muss sich in der jetzigen Gegenwart mitunter den Vorwurf gefallen lassen, Frauen zum reinen Schauobjekt in seinen Gemälden degradiert zu haben.

 

Mit nicht ganz so strengem Blick betrachtet, strahlen die Werke von Renoirs Hand bis heute jedoch aufrichtige Lebensfreude aus. Ein Bild solle den Betrachter erfreuen, war seine Maxime. Und so wählte der Künstler stets Motive voller Anmut. Hübsche Menschen bei vergnüglichen Freizeitbeschäftigungen waren eines seiner Lieblingsthemen. Viele dieser Bilder wirken als hätte man die Adelsgesellschaften des 18. Jahrhunderts in ein bürgerliches Milieu gute hundert Jahre später versetzt. Entfloh man damals dem strengen Hofzeremoniell, findet man nun auf dem Lande Ablenkung vom zunehmend industrialisierten Stadtalltag, der in Renoirs heiterer Bildwelt jedoch so gut wie nie vorkommt. Auch harte Konturlinien oder Schwarz sucht man vergebens. Vielmehr sind duftige Baumkronen und helles Sonnenlicht die Ingredienzien für Bilder von Renoirs Hand ebenso wie für Rokoko Gemälde. Form und Inhalt bedingen sich gegenseitig, um mit duftig-zarter Sinnlichkeit dem Auge des Publikums zu schmeicheln und es für die Zeit der Betrachtung in jene bezaubernden Weltfluchten zu entführen.

 

Trotz einer zu Beginn eher befremdlich anmutenden Ausstellungsarchitektur, die dem pastellenen Kolorit der Bilder nur ein kühles, schlichtes Grau entgegensetzt, zeigt die Ausstellung im Frankfurter Städel auf kluge und ästhetische Weise einen bisher in der Rezeption des Impressionismus kaum beleuchteten Aspekt.

 

„Wie Watteau, wenn man so will, die weibliche Anmut im 18. Jahrhundert erschuf, so erschuf Renoir die weibliche Anmut im 19. Jahrhundert.“ Octave Mirbeau

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