top of page

A mon seul désir – Meinem einzigen Begehren

Gedanken zur Dame mit dem Einhorn im Musée national du Moyen Âge in Paris

Drei silberne Halbmonde

Anmut, Eleganz, Rätsel, Zartheit, Melancholie, Vornehmheit, rote Leichtigkeit, tiefblaue Einsamkeit, Feinsinn, Heiterkeit – Sinnenreize … Erst nach einigen Momenten, in denen sich das Auge an die sanfte, schützende Dunkelheit gewöhnt hat, entdeckt sich in den sechs Tapisserien der Dame mit dem Einhorn ein bildgewordenes Ideal überzeitlicher Schönheit. Seit etlichen Jahrzehnten bereits residiert die vornehme Adlige in ihrem prachtvollen, aus dem 15. Jahrhundert stammendem Palast. Sie ist der kostbare Höhepunkt des glücklicherweise noch immer wenig entdeckten Musée de Cluny in Paris. Fast sagenumwoben gestaltet sich die Geschichte dieser Wandbehänge, deren Entstehung um 1500 in den südlichen Niederlanden zu vermuten ist. Eine Variante des Wappens der Familie le Viste, drei silberne Halbmonde auf azurblauer Binde vor rotem Grund, auf jeder der sechs Tapisserien geben einen Hinweis auf die Auftraggeberschaft. Viele Male bin ich in Paris gewesen, ohne der Dame und ihrem Einhorn einen Besuch abgestattet zu haben. Vielleicht war aber nun genau der richtige Zeitpunkt gekommen.


Rundherum bedecken die über und über mit Blumen und kleinen Tieren geschmückten Bilder die Saalwände. Erst allmählich entfalten die einzelnen Szenen ihre jeweils eigene Geschichte. Nur langsam und mit Bedacht formieren sich die Gestalten und Figuren in ihrer Individualität. Leise und nahezu menschenleer ist es in diesem besonderen Raum, der wie aus unserer Zeit entrückt erscheint. Viele Schriftsteller, Denker und Autoren haben sich schon vor mir auf dieses besondere Rendezvous eingelassen, ohne dass es jedoch gelungen wäre, der Dame und ihren edlen Begleitern wirklich nahe zu kommen, geschweige denn ihr Geheimnis zu entlocken. Ich glaube, dass es auch mir nicht gelingen wird.

Sehen, Riechen, Schmecken, Hören und Fühlen

Zunächst stellt sich jedoch die Frage, ob es denn wirklich nur eine Dame ist, die hier in unterschiedlichen Varianten den fünf Sinnesgenüssen Sehen, Riechen, Schmecken, Hören und Fühlen nachgeht oder sind es deren doch mehrere? Die blonde Eleganz ihrer Gesten scheint sie schwesterlich zu vereinen während Frisur, Gewandung und auch Größe von Bild zu Bild verschieden sind. Mein Blick wandert durch das unwirkliche Rot hindurch und hält inne auf jenem tiefblauen Blumenoval, das stets das Zentrum der Teppiche bildet. Ich geselle mich zu ihr, dieser Jungfrau, der allein es obliegt das freundliche weiße Einhorn zu zähmen. Es ist ihr genauso ergeben wie Löwe und Dienerin. Stets ist es nicht die Dame, die sich den Sinnen hingibt. Sie delegiert dieses Erleben so vornehm wie graziös an ihr Umfeld. Liebevoll hat sie sich niedergelassen, um dem Einhorn, das zutraulich seine Vorderbeine in ihren Schoß gelegt hat, einen Spiegel entgegenzuhalten. Neugierig betrachtet dieses sein Antlitz, während seine Herrin wiederum versonnen auf das Tier blickt. Hochaufgerichtet mit Dienerin an ihrer Seite, die einen Korb mit Rosenblüten bereithält, gibt sie den Sinn des Riechens an ein kleines Äffchen weiter, das possierlich auf seinem Körbchen hockt und den Duft einer Blume genießt. Löwe und Einhorn fungieren als würdige Standartenträger, die sich der Ehre ihrer Tätigkeit mehr als bewusst sind. Köstlich muss auch die dragierte Mandel munden, die die Dame einer von der Zofe dargebotenen Schüssel entnommen hat, um sie an einen Papagei zu reichen, der sich auf ihrer linken Hand niedergelassen hat. Das Hündchen auf ihrer Schleppe sitzend sieht in Erwartung dieses Genusses ungeduldig zu seiner Herrin empor. Beim musikalischen Beisammensein scheint das Einhorn fast zu tanzen, während die Jungfrau an der Orgel spielt. Lediglich das Fühlen übernimmt die Dame eigenständig. Selbstbewusst umfasst sie mit ihrer Rechten die Fahnenlanze, während ihre Linke das Horn des Einhorns umschlossen hält. So freundlich lächelnd wie sein gegenüber wachender Löwenkollege blickt es zu seiner Herrin auf.


Zartsinn und 35 Hasen

Unzählige Tiere wie niedliche kleine Hasen, 35 an der Zahl, Äffchen, Füchse, Vögel und Hunde bevölkern nicht nur das von Orangenbaum, Eiche, Pinie und Stechpalme bewachsene Blumenrund, sondern begeben sich auch in die roten Bildgründe hinaus. Ebenso vielfältig zeigt sich die florale Auswahl: Akelei, Hyazinthe, Rose, Vergissmeinnicht, Gänseblümchen, Glockenblume, Stiefmütterchen, Ringelblume, Nelke, Margerite und Veilchen könnten zum prächtigen Strauß gebunden werden. Nicht müde würde ich selbst nach tagelanger Betrachtung noch ungesehene Details zu entdecken. Jener im 18. Jahrhundert formulierte esprit de finesse, jener Zartsinn, der offen für die Anmutung des Augenblicks ist und ein gefühlsgeleitetes Denken fördert, wird beim Verweilen vor den Teppichen geschult. Nichts beselige den Menschen mehr als die Erfahrung des Schönen in den Künsten, schrieb der Philosoph David Hume. „Sie schenken eine gewisse Eleganz des Empfindens, welche die übrige Menschheit nicht kennt. Die Gefühle, die sie erregen sind weich und zärtlich.“ Die Stimmung der Bilder überträgt sich vollumfänglich auf ihren Betrachter.

A mon seul désir

So gerne wüsste man, wer dieses Wunderwerk aus feinsten Woll- und Seidenfäden ersonnen hat und ob wohl das Bild einer in Samt und Seide von funkelnden Juwelen geschmückten Geliebten das Vorbild im Geiste war. Denn es gibt da ja noch den sechsten Teppich, der sich der Sinneszuschreibung entzieht, indem er sein eigenes Motto in goldenen Lettern auf azurblauem Grund über dem Eingang des Zeltes, dem die Dame entschreitet, formuliert: A mon seul désir – meinem einzigen Begehren. Das französische Wort désir lässt sich aus dem damaligen Wortsinn nur schwer übersetzen. Stets waren ihm amouröse Untertöne eingewebt, deren Finesse die deutsche Sprache so nicht kennt. Der Schriftzug gelingt jedoch auch ohne Übersetzung. Der Wortklang allein verzaubert, genau wie die Dame, die sich einer Enträtselung ebenfalls entzieht.


Wer jedoch ihrem Charme bisher noch nicht erlegen ist, wird es spätestens jetzt tun. Begleitet von all ihren dienstbaren Geistern legt sie behutsam von einem Tuch geschützt eine prachtvolle Edelsteinkette in die von der Zofe dargebotene kleine Schatztruhe. A mon seul désir. Entsagt sie diesem, indem sie sich des äußerlichen Schmuckes entledigt? So wird diese Szene gerne in der Literatur interpretiert. Dies scheint mir jedoch angesichts der Komplexität ihrer geheimnisvollen Schönheit als viel zu profan. Lauten die Worte doch nicht: mein einziges Begehren, sondern meinem einzigen Begehren. Nicht der Nominativ wurde gewählt, sondern der Dativ. Diese semantische Nuance ist so klein wie gewichtig. Im Französischen ist es sogar nur ein einziger Buchstabe, der diesen Unterschied bewirkt. Das Begehren ist nicht das Subjekt, sondern das Objekt. Es wird nicht plump zu Schau gestellt. Es wird nicht offensichtlich benannt. Dem Begehren wird gehuldigt. Die Dame bleibt das agierende Subjekt. Ihre Geste trägt nichts Wehmütiges in sich. In ihrer Haltung liegt kein Abschiednehmen.


Eine Wanderin zwischen den Zeiten

Ist es nicht eher so als wolle sie ihr einziges und alleiniges Begehren vor den Augen einer allzu neugierigen Öffentlichkeit schützen und in der Schatulle verschließen, um diese nach Belieben wieder öffnen zu können, wobei das Geschmeide vielleicht als Metapher für die Kostbarkeit ihres Verlangens zu lesen ist? Auch das Zelt, aus dem die Dame tritt, übernimmt diese Funktion. In keinem der anderen Teppiche existiert ein solcher Rückzugsort, der sie den Blicken entzieht und dessen Schutz sie aber nach eigenem Willen verlassen kann.


Die Dame ist eine Wanderin zwischen den Zeiten. Noch feiert sie das mittelalterlich-höfische Ideal der Vornehmheit, umgibt sich mit nur für Eingeweihte zu enträtselnden Tieren, Blumen und anderen Attributen, erhebt sich gemäß ihrer Bedeutung, aber nicht dem Wirklichkeitsmaßstab entsprechend über alle anderen und nimmt doch gleichzeitig die Selbstbewusstheit des frei entscheidenden weiblichen Individuums der anbrechenden Renaissance für sich in Anspruch. Die mit der triebhaften menschlichen Natur verbundenen Sinnesreize sublimiert sie mit höchster Raffinesse, luxuriert sie alleinig durch ihre Anwesenheit und zeigt sich diesen doch verständnisvoll zugewandt. Ihrem eigenen Begehren, der Kulmination alles sinnhaften Strebens, dem Höhepunkt eines jeden Wollens, dem Ziel ihres Seins, auferlegt sie ganz eigene Regeln. Regeln, die sie hinter einer solchen Überfülle von Schönheit verbirgt, dass diese für immer ihr Geheimnis bleiben werden.


https://www.musee-moyenage.fr

bottom of page