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Gedanken zu einem Ausflug ins Blaue Land

Franz-Marc-Museum, Wieskirche
Franz Marc, Blauer Reiter, Dominikus Zimmermann

„Blau ist die einzige Farbe, bei der ich mich dauernd wohl fühle.“ (Franz Marc)


„Der blaue Reiter ist gefallen, ein Großbiblischer, an dem der Duft Edens hing. Über die Landschaft warf er einen blauen Schatten. Er war der, welcher die Tiere noch reden hörte; und er verklärte ihre unverstandenen Seelen. Immer erinnerte mich der blaue Reiter aus dem Kriege daran: es genügt nicht alleine, zu den Menschen gütig zu sein und was du namentlich an den Pferden, da sie unbeschreiblich auf dem Schlachtfeld leiden müssen, gutes tust, tust du mir.“


Als Franz Marc von einem Erkundungsritt mitten im Ersten der großen Weltkriege nicht zurückkehrte, war er lediglich einer von vielen Millionen Toten, die diese Menschheitskatastrophe über vier lange Jahre hinweg forderte. Für die Kunst bedeutete der Tod des erst 36-Jährigen einen unersetzlichen Verlust. Als Mitbegründer des „Blauen Reiter“, als Maler von „Feuerbüffeln“ und „Zitronenochsen“, wie Else Lasker-Schüler es so liebevoll umschrieb, ist er der Nachwelt immer noch im Gedächtnis. Wie kein anderer hatte er der Wesenheit von Tieren Ausdruck verliehen; wie kein anderer hatte er sich der Farbe bemächtigt, um sie von ihrer rein abbildenden, darstellenden Funktion zu befreien.


Obwohl sein Vater selbst Maler gewesen war, zog der junge Franz Marc erst andere Berufe in Betracht, bevor er sich der Kunst verschrieb. Eine Parisreise ließ ihn kunstreich beglückt nach München zurückkommen, um dort aber der Akademie mit ihren strengen Regularien den Rücken zu kehren. Trotz dauerhaften Geldmangels durchstreifte er extravagant gekleidet das aufregende Schwabing der Jahrhundertwende. Oft konnte er sich zwischen den Frauen nicht entscheiden, verliebte sich in die Verheiratete und heiratete die, in die er nicht verliebt war. Zeitlebens blieb er ein Suchender, was seiner Kunst wohltat, ebenso wie die fruchtbare Künstlerfreundschaft zu Kandinsky, aus der der bis heute weltberühmte „Blaue Reiter“ hervorging. Am Kaffeetisch in der Gartenlaube in Sindelsdorf sei der Name eines Nachmittags entstanden wird Kandinsky sich rückblickend erinnern: „Beide liebten wir Blau, Marc – Pferde, ich – Reiter. So kam der Name von selbst.“


So radikal individuell viele der Künstler zu jener Zeit waren, so tief schien doch der Wunsch nach Verbündeten. Zusammenschlüsse von Gleichgesinnten nach eigenen Regeln, die das Althergebrachte und Tradierte in der Kunst überwinden sollten, waren allerorten en vogue. Bereits 1905 hatte sich die Künstlergruppe „Brücke“ konstituiert, deren Motto, verewigt auf dem berühmten Holzschnitt, lautete: „Mit dem Glauben an Entwicklung, an eine neue Generation der Schaffenden wie der Geniessenden rufen wir alle Jugend zusammen. Und als Jugend, die die Zukunft trägt, wollen wir uns Arm- und Lebensfreiheit verschaffen gegenüber den wohlangesessenen, älteren Kräften. Jeder gehört zu uns, der unmittelbar und unverfälscht wiedergibt, was ihn zum Schaffen drängt.“ Der „Blaue Reiter“ war die zweite, für die Avantgarde so nachhaltig wirkende Künstlergemeinschaft. Neben Kandinsky und Marc gehörten Macke, Werefkin, Münter und Jawlensky aber auch Kubin, Klee und Schönberg zum Kreis der in den Ausstellungen und im Almanach vertretenen Künstlern. Ihr Programm war weniger eng formuliert als das der „Brücke“ und umfasste nach Marcs eigenen Worten „die neueste malerische Bewegung in Frankreich, Deutschland und Russland und zeigt ihre feinen Verbindungsfäden mit der Gotik und den Primitiven, mit Afrika und dem großen Orient, mit der so ausdrucksstarken ursprünglichen Volkskunst und Kinderkunst, besonders mit der modernen musikalischen Bewegung in Europa und den neuen Bühnenideen unserer Zeit.“

Während Kandinsky die Abstraktion immer weiter vorantrieb, Macke das Flirren heiterer Sommertage in seinen Bildern einfing, Gabriele Münter der Einfachheit huldigte und Marianne von Werefkin den deutschen Künstlern beibrachte, dass Farbe nichts mit Licht oder Beleuchtung zu tun hatte, wandte sich Marc immer mehr den Tieren zu. „Ich suche einen guten, reichen Stil, in dem wenigstens ein Teil dessen, was wir modernen Maler zu sagen haben werden, restlos aufgehen kann. Und das wäre vielleicht ein Empfinden für den organischen Rhythmus aller Dinge, ein pantheistisches Sichhineinfühlen in das Zittern und Rinnen des Blutes in der Natur, in den Bäumen, in der Luft, in den Tieren (...) Ich sehe kein glücklicheres Mittel zur Animalisierung der Kunst als das Tierbild.“


Marcs Tiere gehören heute zu den am häufigsten reproduzierten Motiven der Kunstgeschichte. Er lernte sie zeichnerisch kennen, näherte sich über die äußere Erscheinungsform ihrem Wesen an, erkannte ihre Stimmungen und ihren Charakter. Für ihn ging das Geheimnis der beseelten Natur in der Tierwelt in völliger Harmonie auf. Bis zu seinem frühen Tod blieben die Tiere sein Experimentierfeld, auf dem er die Emanzipation der Farbe vorantrieb und sie aus ihrer rein dienenden Funktion befreite. Durch den Verzicht auf eine illusionistische Wiedergabe, begriff er die Farbe als eigenständiges, vom Gegenstand unabhängiges Ausdrucksmittel. Seine roten Rehe, seine gelben Pferde, seine violetten Affen treten nicht in ihrer Erscheinensfarbe vor das Auge des Betrachters; Franz Marc verleiht ihnen ihre ureigenste Wesensfarbe.


In Sindelsdorf, wo der Künstler ab 1909 bei einem Schreiner Logis nahm, später dann im eigenen stattlichen Wohnhaus in Ried, das er ab 1914 mit seiner zweiten Frau Maria bewohnte, wurde er nicht müde die Tiere in freier Natur zu studieren. Zur täglichen Gemeinschaft gehörten zahme Rehe, die der Künstler in ihrer weichen Eleganz malerisch bewunderte. Zwei von ihnen darf man heute im Franz-Marc-Museum beobachten. Sie gesellen sich zur ungestümen Gruppe junger Pferde, deren Bewegungsdrang sich auf die Landschaft zu übertragen scheint, so beschwingt hat Marc sie in kräftigen Pinselstrichen gemalt. Nicht nur das Wesen der Tiere, auch Franz Marc selbst, seine wache Beobachtungsgabe, sein feiner Wille zur Formerklärung werden in diesem Haus eindrücklich durch die kluge Bildauswahl erläutert. „Nie sah ich irgend einen Maler gotternster und sanfter malen wie (sic!) ihn,“ schrieb Else Lasker-Schüler über ihren langjährigen Freund.


Zufällig sind zum Zeitpunkt unseres Besuches die Brücke-Künstler zu Gast im Voralpenland und haben einige ihrer Bilder im Gepäck. Ähnlich den Bayern, die aus der lauten Großstadt München an die erfrischend blauen Gebirgsseen reisten, fuhren Kirchner, Pechstein und co. stattdessen in den Norden und beobachten dort das Zusammensein von Mensch und Natur am Meer, bevor es sie zurückzog in den Moloch Berlin. Kirchners gezackter Varieté-Stil kontrastiert aufregend mit Marcs melancholischer Naturruhe während Otto Müllers zierliche Badende sicherlich auch an einer Kahnfahrt auf dem Kochelsee Gefallen gefunden hätten. Obwohl das Museum nicht im originalen Wohnhaus von Franz Marc untergebracht ist, kann man den Zauber nachvollziehen, den dieser Landstrich auf die Künstler jener Zeit hatte. „Denn wo der blaue Reiter ging, schenkte er Himmel.“

Hoc loco habitat fortuna, hic quiescit cor

Hier wohnt das Glück, hier findet das Herz seine Ruh`


Die Region kurz vor den Alpen ist aber in vielerlei Hinsicht gesegnet. Befindet sich hier doch die weltweit berühmte Wieskirche, die vielen als Vollendung der Rokokoarchitektur schlechthin gilt. Ursprünglich als profaner Dekorationsstil in Frankreich entstanden, traf das Rokoko in Süddeutschland und Österreich auf die überbordende Ausformung des schweren sakralen Spätbarock und wurde von den Künstlern jener Zeit in einmaliger Weise weiter ausgeformt. „Die Wies“ ist dafür eines der schönsten Beispiele überhaupt. 1744 war der gefeierte Architekten Dominikus Zimmermann von den Prämonstratenser-Mönchen mit dem Bau einer Wallfahrtskirche beauftragt worden. Einige Jahre zuvor hatte die Bäuerin Maria Lory bemerkt, dass das Gnadenbild eines gegeißelten Christus Tränen weinte. Rasch sprach sich das Wunder herum und ein stetig wachsender Strom von Pilgern setzte ein zu der Kapelle, in die man die Holzskulptur gebracht hatte. Die Schaffung eines großzügigen, würdigen Gotteshauses war unumgänglich. Die zu Beginn veranschlagten 30 000 Gulden erhöhten sich bis zum Ende der Bauzeit auf 180 000 Gulden. Auch wenn sich das Kloster Steingaden von diesen Ausgaben bis zur Säkularisation nicht erholen sollte, wird heute kein einziger Besucher an die versechsfachten Baukosten denken, wenn er die von Wiesen und Wäldern umgebene Kirche, die seit 1983 zum UNESCO Weltkulturerbe gehört, besucht.


Der schlichte Außenbau fügt sich unprätentiös in die Landschaft ein und verrät noch nicht, was den Gläubigen im Innenraum erwartet. Sobald man aber die Schwelle der Kirchentür überschreitet, eröffnet sich ein Raum von zierlicher Leichtigkeit, der sich der Erdenschwere zu entziehen scheint. Trotz des überbordenden Rokoko-Dekors ist der Gesamteindruck nicht erdrückend, sondern begeistert durch seine koloristische Feinheit. Strahlendes Sonnenlicht, das durch die hochgezogenen Fenster einfällt, durchflutet den Raum mit Festlichkeit. All diese Eindrücke kulminieren in dem großartigen Deckenfresko, das der Bruder des Architekten, Johann Baptist Zimmermann, erschaffen hat. Ein Regenbogen, auf dem Christus als Weltenrichter thront, überspannt das Gewölbe und symbolisiert in seiner Farbenpracht die Verbindung des Himmlischen mit dem Irdischen.


https://franz-marc-museum.de

https://www.wieskirche.de/de/

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