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„Alle Augen werden auf Dich gerichtet sein“

Gedanken zur Ausstellung „Marie Antoinette Style“ im Victoria and Albert Museum in London

Für gewöhnlich fährt man nicht nach London, sondern nach Paris oder Versailles, vielleicht noch nach Wien, um Marie Antoinette anzutreffen. Aber nicht Frankreich oder Österreich, sondern die englische Hauptstadt hat der modebewussten Königin eine eigene Ausstellung gewidmet. Weniger die historische Persönlichkeit als ihr Stil steht im Zentrum einer spektakulären, bereits kurz nach Eröffnung ausgebuchten Schau im Victoria and Albert Museum.


Wäre Maria Antonia Josepha Johanna nicht auf so tragische Weise in den Strudel der Geschichte geraten, würden heute vermutlich nur wenige ihren Namen kennen. Sie reihte sich ein in die große Anzahl der Töchter aus dem Hause Habsburg, deren persönliches Schicksal sich dem politischen Kalkül hat beugen müssen. Die von Maria Theresia arrangierte Hochzeit der österreichischen Erzherzogin mit dem Dauphin galt als Krönung des renversement des alliances. Diese Umkehr der Bündnisse beendete eine Jahrhunderte alte Feindschaft zwischen den Habsburgern und den Königen Frankreichs. Zur Festigung dieser neuen Verbindung wurde ein auf dem diplomatischen Parkett mehr als unerfahrener Teenager in ein fremdes Land geschickt und mit einem jungen Mann vermählt, den sie zuvor noch nie gesehen hatte. Der berühmt berüchtigte Versailler Hof, der zunehmend in der von Ludwig XIV. ersonnenen Etikette erstickte, beobachtete jeden ihrer Schritte. Zu Beginn noch unbeholfen, wandelte sich Marie Antoinette rasch zur stilgebenden ersten Dame, die die strengen Kleidervorschriften so kreativ wie extravagant interpretierte. Da der ersehnte Nachwuchs acht lange Jahre auf sich warten ließ, stürzte die junge Dauphine sich in die Vergnügungen des höfischen Lebens. Später sollten die ihr zugeschriebenen Eigenschaften von naiver Oberflächlichkeit und Verschwendungssucht wie Zuckerguss an der ehemaligen Königin kleben.


Bar jeglichen Interesses an Politik hatte sie vermutlich wirklich keine Vorstellung vom entbehrungsreichen Dasein ihrer Untertanen; ein Umstand, der sich noch bitter rächen sollte. Je mehr die Ungerechtigkeit des überkommenen Feudalsystems zu Tage trat, je mehr die adlige Gesellschaft einem Luxus fröhnte, der in größtem Kontrast zum Leben des Volkes stand, desto mehr geriet Marie Antoinette als Ausländerin in die Kritik. L‘Autrichienne, was im Französischen klingt wie l’autre chienne, die andere Hündin, wurde mit Häme und Spott überschüttet. Einige dieser beleidigenden Flugblätter und Karikaturen sind in der Ausstellung zu sehen. Der Ausbruch der Revolution war der Anfang vom Ende. Nach missglückter Flucht und Gefangennahme wurden Marie Antoinette und ihr Mann 1793 hingerichtet. Ein erschreckendes textiles Sinnbild sowohl für das Ende der königlichen Dynastie als auch der einstmals so strahlenden Königin ist das aus dem Musée Carnavalet in Paris ausgeliehene schlichte weiße Leinenhemd, das Marie Antoinette auf ihrem Weg zur Guillotine getragen hat.

„Alle wünschten sich sofort, dasselbe Kleid wie die Königin zu haben.“ (Henriette Campan)

Welch ein Kontrast zu jener Robe, die die Ausstellung eröffnet! Ein glitzernd weitausladender Traum aus Gold- und Silber kleidete die junge Erzherzogin bei ihrer Trauung. Schnell wird deutlich, dass heutige Maßstäbe mitnichten an die Mode des 18. Jahrhunderts angelegt werden dürfen. Dem Effekt des Aufsehen erregenden, stilvollen Auftritts ordnete sich alles unter. Taillen wurden auf den Umfang von gerade einmal 50 Zentimetern geschnürt, während die Kleider bis zu 15 Kilo wogen. Aus schriftlichen Quellen geht hervor, dass Marie Antoinette sich äußerst rasch den in Versailles verbreiteten, leicht tänzerischen Gang angewöhnte, der suggerierte, die Dame würde nur hauchzart den Boden berühren. Nichtsdestotrotz wurden nahezu täglich ihre kleinen, der heutigen Größe 36 entsprechenden Pantöffelchen erneuert. Das viele Tanzen, das meist seidene Material sowie die Tradition, dass eine Dauphine ihre Schuhe nur zu einer einzigen Gelegenheit trägt, machten dies erforderlich.


Nahe kommt man Marie Antoinette hier in London. Besonders faszinierend sind jene Objekte, die aus ihrem persönlichen Besitz stammen und die sie tatsächlich getragen hat. Lediglich des aufdringlich glitzernden Dekors der Ausstellungsarchitektur hätte es nicht bedurft. Den überbordenden Verzierungen, den opulenten Details, den schimmernden Blumenstickereien der Stoffe hätte ein ästhetisch beruhigter Rahmen besser gestanden. Die Kleider und textilen Exponate sind aber nur ein Aspekt dieser Schau. Eindrücklich offenbart sie den Aufwand, der für das perfekte Erscheinungsbild betrieben wurde. Schmuck, Parfüm, Accessoires und auch das passende Interieur werden gezeigt. Frankreich war das Zentrum der Luxusindustrie. Marie Antoinette wusste das geschickt zu nutzen. Sie saß an der Quelle all der in mühevoller Handarbeit produzierten atemberaubenden Schönheit. Interessant zu beobachten ist der Stilwandel, den die junge Königin im Laufe ihres kurzen Lebens durchlief. Zu Beginn ihrer Zeit in Versailles noch den schweren Formen des Wiener Hofes anhängend, gerät sie in einen wahren Moderausch. Selbst für französische Rokokoverhältnisse scheint sie es übertrieben zu haben. Berühmt waren ihre hochaufwändigen Frisurenkunstwerke, die bisweilen ganze Geschichten erzählten. Einmal soll sogar ein Schiffsmodell in der turmhohen Perücke Platz gefunden haben, woraufhin ihre Mutter Maria Theresia mehr als einen mahnenden Brief aus dem fernen Wien schrieb, die Tochter solle sich mäßigen, was jedoch nur bedingt gelang. Legendär war die Zusammenarbeit mit Rose Bertin, der berühmten Modedesignerin, die zweimal pro Woche in Versailles ihre neuen Entwürfe vorstellte. Eine Kreation kostete um die 900 Livre, zu einer Zeit als der Tageslohn eines Arbeiters 2,5 Livre betrug. Dass der letzte Besuch Bertins bei Marie Antoinette am 6. Oktober 1789 stattfand, dem Tag, an dem das Schloss von den Revolutionären gestürmt wurde, offenbart erneut mit erschreckender Deutlichkeit wie entfremdet die Königin dem Alltag ihrer Zeitgenossen war und wie sehr sie die gefährliche Lage verkannt hatte.

„Nie war es herrlicher zu leben.“ (Emmanuel de Croy)

Wie sensibel hingegen ihr Gespür sein konnte, so lange es sich nicht um politische Angelegenheiten handelte, zeigt die Ausstellung anschaulich. Marie Antoinettes Stil wird in den 80er Jahren natürlich, feiner, ungeschmückter. Die Königin bevorzugt mehr und mehr Blumen und florale Muster, weiche Baumwollstoffe statt schwerer Seide, helle Farben sowie eine Anlehnung an das klassizistische Formengut. Immer häufiger zieht sie sich in das von ihr rundum neu gestaltete Petit Trianon zurück, ein kleines Schlösschen im weitläufigen Park von Versailles, um der strengen Hofetikette zu entfliehen und sich ihren Kindern zu widmen. In diesem Refugium gestattete sie nur einer handverlesenen Auswahl bester Freunde Zutritt. Die Frau, die früher rauschende Bälle und Feste bevorzugte, schätzte nun, ganz dem Zeitgeschmack der Empfindsamkeit entsprechend, den kleinen intimen Kreis und brüskierte damit die gesamte Adelsgesellschaft.


Einige Jahre später trieb sie die hochartifizielle Natürlichkeit auf die Spitze. Im Nachhall der Rousseauschen Schriften, die die Sehnsucht nach einem einfachen Leben gefördert hatten, ließ sie ein kleines Dorf erbauen, das „echte“ Bauern bewirtschafteten, während die Königin auf der anderen Seite des künstlich angelegten Sees sie dabei betrachten konnte. Was von Marie Antoinette naiverweise als Geste der Volksverbundenheit gedacht war, entpuppte sich als das Gegenteil. „Für die Menschen war das Fassadendorf mit seiner falschen Idylle eine groteske Verniedlichung und Verkitschung des ganz und gar nicht romantischen, sondern von härtesten Überlebenszwängen geprägten Landlebens.“ (Volker Reinhardt: Esprit und Leidenschaft. Kulturgeschichte Frankreichs. S. 351)


Hin und her gerissen ist man vom Wissen um die damaligen Verhältnisse einerseits, und dem ästhetischen Zauber der königlichen Gegenstände andererseits. Gerade die Objekte der letzten Jahre kommen in ihrer eleganten Einfachheit unserem heutigen Geschmack doch sehr nahe. Das berühmte von einem zarten Rand Perlen und Kornblumen geschmückte Service würde auch im 21. Jahrhundert auf jeder festlichen Tafel ein Blickfang sein. Der toile de Jou, ein feiner weißer Baumwollstoff, der mit pastoralen oder asiatischen Motiven und zartem Blumenrankenwerk in Rot oder Blau bedruckt wird, war eine absolute Neuerung jener Zeit und aufgrund seiner raffinierten Schlichtheit von Marie Antoinette hochgeschätzt. Bis heute findet man ihn in den Modekollektionen großer Designer.


Ein mittlerer Charakter… (Stefan Zweig)

Es ist sicherlich kein Zufall, dass unsere Zeit sich dieser vieldiskutierten Frau über ihre Mode und ihren Stil nähert. Vielleicht ist es das Verdienst der Gegenwart bei der Betrachtung und Beurteilung historischer Persönlichkeiten einen weiteren Blickwinkel einzunehmen, die nur scheinbar unverrückbaren Zuschreibungen der letzten Jahrzehnte zu hinterfragen und Menschen in die bisweilen auch widersprüchliche Komplexität ihrer Zeit einzuordnen. Überwiegend negativ wurde Marie Antoinette stets von den Historikern beschrieben, wobei man sich über das Ausmaß ihres politischen Einflusses auf den eher zurückhaltenden Ludwig XVI. immer noch uneinig ist. Kratzt man die misogynen Schichten ab, die sich durch eine stets männlich geprägte Geschichtsschreibung über sie gelegt haben, kristallisiert sich das Bild einer Frau heraus, die für Realpolitik schlichtweg ungeeignet und von den Zeichen der Zeit überfordert war. Vielleicht hat keiner ein so sicheres wie schonungsloses Urteil gefällt wie Stefan Zweig: „Marie Antoinette war weder die große Heilige des Royalismus noch die Dirne der Revolution, sondern ein mittlerer Charakter, eine eigentlich gewöhnliche Frau, nicht sonderlich klug, nicht sonderlich töricht, die Durchschnittsfrau von gestern, heute und morgen.“


Weniger ihre politische Rolle, als vielmehr die weit über ihr Ableben hinaus prägende ästhetische Begabung ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu rücken, ist das Verdienst des Victoria and Albert Museums. Der zweite Teil der Ausstellung beschäftigt sich mit der nicht nachlassenden Rezeption ihres Stils, die bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts beginnt. Mit dem Wiedererstarken der Monarchien in Europa nach der Schockwelle der französischen Revolution und ihren Auswirkungen versuchte man allerorten das politische Rad wieder zurückzudrehen. Ein sichtbares Zeichen dafür war u.a. die Nachahmung des Kleiderstils Marie Antoinettes unter Napoleon III. Selbst bis in unsere Gegenwart reicht ihr Einfluss. Das letzte Exponat der Ausstellung ist ein Trainingsanzug der Firma Puma. Er ist in Marie Antoinettes bevorzugtem Lilaton gehalten.


https://www.vam.ac.uk/exhibitions/marie-antoinette

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