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Gedanken zu einer hochsommerlichen Reise über Arezzo nach Rom und Florenz

Vasari, Michelangelo, Bernini, Goethe, Beato Angelico, Ghirlandaio

Vasari

„Nun, da deine gelehrte Hand mit neuer Arbeit von Feder und Tinte eine würdigere Arbeit getan hat.“ (Michelangelo über Vasari)


Konzentriert sitzt die hübsche blondgelockte Frauengestalt in ihrer Nische. Ein geöffnetes Buch hält sie schreibbereit in Händen während ihr jugendliches Haupt von Lorbeer bekränzt mit strenger Aufmerksamkeit darauf gerichtet ist. Die Poesie ist die erste der zahlreichen Allegorien, auf die der Besucher trifft, wenn er die Schwelle der Casa Vasari in Arezzo betritt.


Im heißen Hochsommer des Jahres 2026 bietet das ehemalige Wohnhaus einer der größten Persönlichkeiten der Kunstgeschichte nahezu keine Abkühlung. Aber wer käme auf den Gedanken sich davon stören zu lassen, wenn er durch die bis heute nahezu unveränderten Räume streift und aus dem Staunen nicht herauskommt.


Giorgio Vasari gilt vielen als Vater der Kunstgeschichte. Mit seiner umfangreichen Biografiensammlung Le vite de’ più eccellenti pittori, scultori e architettori, den sogenannten „Vite“, die 1550 und in einer zweiten erweiterten Auflage 1568 erschienen waren, setzte er einen monumentalen Markstein. In 161 grob chronologisch angeordneten Biografien von Cimabue bis zu der eigenen beschrieb Vasari die Kunstentwicklung in Italien. Seine manifestgleiche Kunsttheorie von der Renaissance als Höhepunkt der europäischen Kulturgeschichte wurde über viele Jahrhunderte nahezu kritiklos verehrt. Wie kein Zweiter formte und gestaltete er den Blick der Nachgeborenen auf eine Zeit, die auch er nur mehr im Ausklingen erlebt hatte. Bis heute gelten die Vite als Gründungstext der Kunstgeschichte, obgleich Fehler, Fiktion und ein gehöriges Maß an literarischer Freiheit ihren wissenschaftlichen Quellenwert erheblich schmälern.


1511 in Arezzo geboren, ein Jahr bevor Michelangelo die Sixtinische Decke vollendete, wurde Vasari ab seinem zehnten Lebensjahr zum Maler ausgebildet. Ehrgeizig und karrierebewusst musste er in jungen Jahren die durchaus strapaziöse Existenz eines Wanderkünstlers führen. Er reiste nach Bologna, Venedig, Modena, Neapel und immer wieder auch nach Rom. Hier kam es 1545 zur Begegnung mit Alessandro Farnese, der ihn schätzte und förderte. Im Kreise der hochgebildeten Abendgesellschaften wurde schließlich die Idee der Vite geboren, worauf eine rege Recherchetätigkeit einsetzte, die Vasari auch wieder zurück nach Florenz führte. 1554 war der Aretiner endlich am Ziel seiner Wünsche angelangt: Cosimo I. Medici, ein ausgemachter Feind der Farnese, ernannte ihn zum Hofkünstler und stattete ihn mit einem luxuriösen, weit überdurchschnittlichen Gehalt aus. Über mangelnde Aufträge konnte sich Vasari in dieser Zeit nicht beklagen. Die Uffizien, heute eines der schönsten Museen der Welt, erbaute er als Verwaltungsgebäude für die Hofämter der Medici. Mit dem Vasarikorridor verband er das Gebäude später mit dem Palazzo Pitti. In Santa Croce gestaltete er das Grabmal des von ihm so sehr verehrten Michelangelo. Die Kuppel des Doms stattete Vasari mit Fresken aus, die nach seinem Tode von den Malern Jacopo Zucchi und Federico Zuccarri vollendet wurden. Zur ambitioniertesten Aufgabe wurde die Arbeit am Palazzo Vecchio. Zwischen 1555 und 1572 gestaltete der Universalkünstler den Salone dei Cinquecento vollständig um. Ob hinter den weitläufigen Wandmalereien der Mitarbeiter Vasaris Leonardos unvollendete Anghiarischlacht schlummert, die er im Wettstreit mit Michelangelo angefertigt hatte, bleibt im Dunkeln.


Während all dieser Jahre verfolgte Vasari weiter intensiv seine schriftstellerische Tätigkeit für die zweite Auflage der Vite. Seine Absicht die bildenden Künste aus dem vormodernen Konzept des Handwerks zu befreien, den Ruch der niederen Tätigkeit von ihnen abzuschütteln und damit auch die Erhöhung des Künstlers zu einer geistig überragenden, ja gottgleich schöpferischen Person zu postulieren, war das ehrgeizige Ziel. 1563 gipfelten Vasaris Bestrebungen in der Gründung der Accademia del disegno, der ersten staatlichen Kunsthochschule Europas, die von Cosimo I. gefördert und finanziert wurde. Diese Akademie ist für den weiteren Verlauf der Lehr- und Lernbarkeit von Kunst, einer theoretisch fundierten Künstlerausbildung sowie der Aufwertung des Berufsstandes nicht zu überschätzen.


Subtiler Höhepunkt von Vasaris Selbstbewusstseins ist nun jenes Haus in Arezzo, das dieser ab den 1540er Jahren als Tempel der Kunst ausstattete, wobei er die Kunst selbst zum alleinigen Thema der eigenhändig angefertigten Freskenausstattung erhob. Passend zur schriftstellerischen Tätigkeit des Hausherrn, sitzt nicht die Allegorie der Malerei, sondern die der Poesie an der Stirnwand der Camera della Fama e delle Arti. Ihr Lorbeerkranz sowie die Flügel des Genius zeichnen sie als nobelste Kunst unter den artes liberales aus, deren Glanz auf die ihr beigesellten Verkörperungen der Malerei, der Bildhauerkunst sowie der Architektur abstrahlt. An der Decke verbreitet Fama auf dem Globus sitzend den Ruhm des Künstlers, während sich in den Ovalen Porträts sehr subjektiver Auswahl finden: neben Künstlern wie Luca Signorelli, Andrea del Sarto oder Michelangelo hat sich Vasari samt Familienwappen auch selbst in den illustren Kreis aufgenommen.


Höhepunkt des Hauses ist unbestritten die Sala de Trionfo della Virtù, die nicht nur an der Decke, sondern auch an den vier Wandseiten ein hochkomplexes ikonografisches Programm veranschaulicht. Über den Köpfen der Besucher tobt der handgreiflich geführte Kampf von Virtus mit Fortuna und Invidia. Je nach Standpunkt trägt die Tugend entweder den Sieg über den hässlichen Neid und das unstete Glück davon oder aber der Neid triumphiert über Glück und Tugend. Zusätzlich werden an der Decke die Lebensalter anhand männlicher Figuren verkörpert und mit den Planetengöttern und Sternzeichen zu einem Bild des Lebenszyklus verbunden, der der Tugendthematik unterworfen ist. „Zwar ist der Mensch dem zeitlichen Lauf des Lebens unterworfen und sein Wesen durch die Konstellation der Sterne vorbestimmt, doch vermag der Künstler dank seiner Tugendhaftigkeit in den Kampf um das berufliche Glück einzugreifen.“ (Juerg Albrecht) In den Wandfresken werden Kunst und Künstler auch anhand der Darstellung antiker Legenden zum zentralen Thema erhoben. Die Fresken sind gemalte Kunsttheorie.

Mit gelehrten vielschichtig zu lesenden Bildern erklärte der Maler dem gebildeten Betrachter die Stellung der Kunst und des Künstlers. Hochartifiziell und im wahrsten Sinne des Wortes manieristisch präsentieren sich Vasaris Werke dem heutigen Besucher, der sie ohne gründliches Hintergrundwissen nicht zu entschlüsseln vermag. Auch wenn die Selbstdarstellung des von Pietro Aretino als uomo universale bezeichneten Tausendsassas Vasari bisweilen etwas überbordend anmutet, so zollt man der Lebensleistung dieses Mannes doch gerne Respekt. Das im 16. Jahrhundert sehr in Mode kommende Künstlerlob sprach er sich selbst aus. (Seine Künstlerkollegen waren bisweilen sehr gegenteiliger Meinung.) In einer Zeit der immer noch geringen sozialen Mobilität hatte er durch Talent, Ehrgeiz und unbändigen Willen einen kaum vorstellbaren gesellschaftlichen Aufstieg erreicht. Sein Stolz darauf macht ihn menschlich und seine elitäre Intellektualität beglückt auf wohltuende Weise in Zeiten, in denen der Mensch glaubt, es sei eine gute Idee, das Denken an eine KI abzugeben.

Michelangelo

Durch gründliche Forschungen wissen wir, dass Vasari in seinen Vite äußerst tendenziös beschrieb, lobte, kritisierte, wegließ und auch verschwieg. Diese Verfahrensweise hatte für die Künstler fatale Folgen, gerieten viele der von Vasari meist aus Konkurrenzneid Negierten doch bis heute in Vergessenheit. Seine ungeschriebenen und geschriebenen Worte erweisen sich bis in die Gegenwart als ungemein wirkmächtig, weshalb es nahezu unmöglich ist, Vasari zu lesen ohne den unbändigen Wunsch zu haben nach Rom zu reisen. Obwohl diese Stadt immer eine Herausforderung ist – im August dieses Jahres ist sie eine besondere. Die Hitze wiegt schwer. Belohnung für die strapaziösen kunstreichen Tage sind bezaubernd schöne Abendstunden von flirrender Wärme durchzogen, die aber erst verdient sein wollen.


Unser Ziel muss Michelangelo sein. Seine Biografie nimmt eine besondere Stellung innerhalb der Vite ein. Sie ist nicht nur die umfangreichste, sie ist auch die einzige, die noch zu Lebzeiten eines Künstlers erschien. Solch eine Ehrbezeugung hatte es vorher noch nie gegeben.


Für Vasari war Michelangelo der Inbegriff des gottgleich erschaffenden Künstlers. Nach Erwin Panofsky war das „Mittelalter (…) gewohnt gewesen, Gott mit dem Künstler zu vergleichen, um uns das Wesen des göttlichen Schaffens verständlich zu machen – und die Neuzeit vergleicht den Künstler mit Gott, um das künstlerische Schaffen zu heroisieren.“ Vasari hat an dieser Umkehrung entscheidenden Anteil. (Gerd Blume)


Der Petersdom, den wir letztes Mal nur im Vorbeigehen grüßten, ist unser Ziel. Die Wächter sind erschöpft. Müde winken sie die wenigen Touristen durch endlos scheinende Absperrgitter, Gänge, Korridore und Treppen bis der Tambour im Inneren der Kuppel endlich erreicht ist. Sie ist Michelangelos architektonische Krönung eines Bauwerks, an dem unzählige Köpfe und noch mehr Hände über Jahrhunderte hinweg beteiligt waren. 1506 begann die Grundsteinlegung zu diesem Meisterwerk, dessen Grundriss von Bramante erdacht war. Ein gewaltiger Zentralbau mit massiv tragenden Vierungspfeilern, die völlig neu aus tief ausgehöhlten schweren Mauermassen konstruiert waren. Auf diesen Pfeilern ruht bis heute die Kuppel, deren Erscheinungsform ikonischen Status hat. Nach Raffael und anderen folgenden Bauleitern übernahm der bereits 72-jährige Michelangelo bis zu seinem Tod die Führung der Baustelle.


Paul III. gewährte Michelangelo nicht nur ein gigantisches Jahresgehalt, sondern auch carte blanche. Ein päpstliches Schreiben „verbürgte die Umsetzung von Michelangelos Modell, genehmigte alle seine künftigen Baumaßnahmen einschließlich des Abrisses bereits ausgeführter Teile und garantierte seine Freiheit als Architekt durch völlige Unabhängigkeit von den zuständigen Behörden. Der Papst übertrug Michelangelo die uneingeschränkte Vollmacht.“ (Gerd Blume) Nach Horst Bredekamp kam dies einer nahezu absolutistischen Machtfülle gleich, die der Hofkünstler – ganz im Vasarischen Sinne – nun innehatte. Michelangelo schöpfte seine Möglichkeiten aus. Er veränderte den ursprünglichen Grundriss grundlegend, indem er ein liturgisch notwendiges Langhaus plante, dessen Vierungskreuzung von einer Kuppel bekrönt werden sollte, wie es sie noch nie gegeben hat. Die physisch erfahrbare Größe beim Herabblicken im Inneren ist atemnehmend. Michelangelo gelingt die Durchdringung des Menschseins bis hin zu ihrem göttlichen Ursprung.


Bernini

Vermutlich konnte nur ein Künstler vom Schlage eines Gianlorenzo Bernini die Herausforderung annehmen, sich mit Michelangelo zu messen. Welche Lobesworte hätte wohl Vasari für diesen ebenbürtigen Nachfolger gefunden? Sein Vorplatz ist eines der großen Meisterwerke der Menschheitsgeschichte. Aber nicht nur dieses gigantische architektonische Präludium zum Petersdom, auch Berninis Arbeiten zur Innenausstattung gehören mit zum Bedeutendsten, was diese Gattung je hervorgebracht hat. Neben dem monumentalen knapp 30 Meter hohen, sieben Tonnen schweren Bronzebaldachin, der kronenartig das Petrusgrab überspannt und in die unglaubliche Höhe der Vierungskuppel vermitteln soll, der Kathedra Petri, die Bernini in einen goldreichen Strahlenkranz fasste, ist es sein innovativer Entwurf für das Papstgrab Alexanders VII. dem besondere Aufmerksamkeit gebührt. Architektur und Skulptur wurden untrennbar miteinander verschmolzen. Die tatsächlich vorhandene Sakristeitür der Nische des Seitenschiffs erscheint uminterpretiert als Tor zum Jenseits, aus dem ein Knochenmann in memento mori Manier mit erhobenem Stundenglas entsteigt. Der Papst kniet auf einem Podest. Vier Allegorien, die in ihrer präsenten Lebensnähe nicht zu übertreffen sind, umgeben ihn. Der betörende Oberflächenreichtum entsteht aus der Verwendung verschiedener Marmorarten und der vergoldeten Bronze.


Die verführerische Verschmelzung von Architektur und Skulptur, Realität und Illusion, Irdischem und Sakralen gelingt Bernini auch noch an einem anderen Ort in staunenswerter Perfektion. In Santa Maria della Vittoria schuf er für die Familie Cornaro eine Darstellung der Verzückung der Hl. Teresa von Avila, die in einer ihrer Visionen beschrieben hatte, wie ein Engel ihr das Herz mit einem goldenen Pfeil der göttlichen Liebe durchbohrt.


Die Kapelle wird vom Kirchenraum durch eine niedrige Balustrade getrennt, hinter der sich das himmlische Spektakel ereignet, an den Seiten wie auf einer Theaterbühne beobachtet von Mitgliedern der Auftraggeberfamilie. Von einer Wolke emporgetragen, erwartet die Heilige, deren Körper nahezu vollständig von dem bauschig drapierten Gewand verhüllt ist, den Pfeil des überirdisch schönen Engels. Teresa erscheint während dieses Mysteriums in einen außerwirklich visionären Raum gerückt, der vom göttlichen Licht durchflutet wird. Neben der hochästhetischen Vermittlung eines an sich undarstellbaren Glaubensinhaltes, zeigt sich Berninis Talent zur optischen Verlockung. Die Vielfalt der Materialien, die Dynamik der Figuren sowie das Spiel mit den unterschiedlichen Realitätsebenen erweist ihn als größten Virtuosen des bel composto, jener barocken Spielart eines theatrum sacrum, das bis heute zu bezaubern weiß.

Goethe

Wenig nur hatte ein weit gereister Staatsdiener aus dem Norden mit solchen Spielerein am Hut. War er bekanntlich doch eher für die edle Einfalt und stille Größe der antiken Kunst zu begeistern. „Nun bin ich hier und ruhig und, wie es scheint, auf mein ganzes Leben beruhigt. Denn es geht, man darf wohl sagen, ein neues Leben an, wenn man das Ganze mit Augen sieht, das man teilweise in- und auswendig kennt,“ schrieb Goethe nach seiner Ankunft in Rom. Im November 1786 kam er in der „Hauptstadt der Welt“ an. Gleich hinter der berühmten Piazza del Popolo, deren Tore jeder Neuankömmling passieren musste, fand er Quartier in einer Künstlerwohngemeinschaft, deren bekanntester Bewohner Johann Heinrich Wilhelm Tischbein war, mit dem Goethe zu Beginn seines Aufenthaltes auch eine enge Freundschaft verband.


Bis heute kann man die Casa di Goethe in der Via del Corso 18 besichtigen. Auch wenn kein originärer Einrichtungsgegenstand die Zeit überdauert hat, vermitteln die kleinen niedrigen, damals unbeheizbaren Zimmer einen berührenden Eindruck von Goethes einfachem Leben am Tiber. Jenseits der Zwänge des Weimarer Hofes, von dem er mehr oder minder geflohen war, distanziert von einer ihn immer weniger befriedigenden Beziehung zur verheirateten Charlotte von Stein offenbart sich das römische Leben des Ministers erstaunlich schlicht und volksnah. Erbsen mit Ei und eine tägliche Flasche Rotwein kredenzte die Hauswirtin ihrem berühmten Gast, so verraten es die Zahlungsbücher. Mehrere Zeichnungen Tischbeins zeigen den privaten Goethe wie er sich über ein zweites Kissen ärgert, das man ihm aufs Bett gelegt hatte, wie er sinnend in legerer Kleidung aus dem Fenster auf den Corso blickt oder auch wie er unruhig kippelnd auf einem Stuhl sitzt.


In den kleinen Schubladen der Ausstellung entdecken sich feine Hinweise auf Goethes Liebesleben in Rom. Viel wurde und wird darüber gerätselt. Vermutlich gab es eine junge Witwe, die Goethe aber mit zärtlicher Diskretion nie der neugierigen Öffentlichkeit preisgab. Literarische Spuren von Faustina finden sich in den römischen Elegien, welche nach der Veröffentlichung 1790 großes Aufsehen ob ihres explizit erotischen Inhaltes hervorriefen. Lediglich ein Brieflein in fehlerhaftem Italienisch zeugt von der Anhänglichkeit der Verfasserin, die ihren deutschen Freund bittet, ihr nicht zu zürnen, sondern sie zu lieben wie sie ihn liebt. Goethe muss ebenfalls emotional sehr involviert gewesen sein; dies verdeutlicht seine Aussage, dass er bereits 14 Tage vor seiner Abreise jeden Abend geweint hätte wie ein Kind. Jahre später schienen die Erinnerungen immer noch zu schmerzen: „Ja, ich kann sagen, dass ich nur in Rom empfunden habe, was eigentlich ein Mensch sei. Zu dieser Höhe, zu diesem Glück der Empfindung bin ich später nie wieder gekommen; ich bin, mit meinem Zustande in Rom verglichen, eigentlich nachher nie wieder froh geworden.“


…ein engelsgleicher Abschied

Natürlich erhoffen wir uns auch jenseits der Stadtmauern Roms froh zu sein und so drehen wir Goethes Reiseroute um, der sich nur drei Stunden in Florenz aufhielt: „Die Begierde, nach Rom zu kommen, war so groß, wuchs so sehr mit jedem Augenblicke, daß kein Bleiben mehr war.“ Uns hingegen soll die Stadt am Arno vom römischen Abschied trösten. Es darf ein leichter Abschied sein und so ist unser einziges Ziel das Kloster San Marco. Dieses war nicht nur der Konvent des erschreckenden Savonarola, sondern auch des Beato Angelico, jenes engelsgleichen Malers, der hier mit seinen Mitarbeitern die Klosterzellen seiner Mitbrüder ausschmückte. Vasari beschrieb ihn als einen Künstler von rarem und ausgezeichnetem Talent.


Vor allen anderen Werken ist Fra Angelicos Verkündigungsdarstellung berühmt, die bis heute die Besucher des Klosters begrüßt. In einer die frühe Renaissance bereits behutsam andeutende Architektur, sitzt Maria zum Zeichen ihrer Demut auf einem niedrigen Hocker in einer elegant zu einem Garten hin geöffneten Loggia. Die freundliche Zartheit, mit welcher der von schönen Regenbogenflügeln beschwingte Engel ihr die frohe Kunde der bevorstehenden Schwangerschaft verkündet, ist von einzigartiger Anmut. Feinste Mineralien hat der Maler seinen Farben beigemischt um jenes himmlische Leuchten zu erreichen. Keine Symbole stören die innige Zweisamkeit und machen selbst den heutigen Besucher andächtig verstummen. Um die abgeschiedenen kleinen Klosterzellen, die ebenfalls mit Werken des frommen Malermönchs ausgestattet sind, in die Jetztzeit zu holen, hat man einigen von ihnen im Zuge einer Sonderpräsentation kleinformatige Gemälde des amerikanischen Künstlers Mark Rothko beigegeben. Ob die lediglich in ihrem Kolorit eine Verbindung hervorrufende Intervention den frommen Bildern einen Mehrwert verleiht, der über das ästhetisch Oberflächliche hinausgeht, sei dahingestellt.


Im Erdgeschoss des Klosters wartet noch ein reich gedeckter Tisch auf die Besucher. Ghirlandaio, Michelangelos Lehrer, hat hier im Refektorium das schönste Abendmahl bereitet. Als sei der Bildraum ein Teil der Realität, zeigt das Fresko ähnliche Gewölbeformen wie der Speisesaal und suggeriert eine Gartenöffnung mit köstlichem Baumbestand und edlen Tieren. Von einer neugierigen Katze bewacht haben sich die Jünger um Jesus geschart. Das feine Tischtuch ist geglättet und an den Rändern verziert. Darauf stehen Brot, Kirschen und Rotwein in funkelnden Karaffen bereit. Leise dräut bereits die spannungsvolle Stimmung des Verrats. Dennoch wirken die Gesten der Anwesenden verhalten. Leonardo wird sich dieses Bildwerk zum Vorbild nehmen für sein berühmtes cenacolo in Mailand. Ghirlandaio wurde von Vasari als Wegbereiter der Wandmalerei der Hochrenaissance beschrieben. Seine brillante Fähigkeit der Naturnachahmung, seine Schnelligkeit und sichere Urteilskraft ließen ihn eine besondere Stellung innerhalb der Maler jener Zeit einnehmen.


Epilog

Vasari gliederte seine Kunstgeschichte anhand biografischer Beschreibungen. Auch die vorliegende kleine Gedankensammlung hat sich dieses Prinzip zu eigen gemacht. Wie sehr dieser uomo universale noch Jahrhunderte später präsent war, zeigt die nicht marginale Fußnote, dass auch Goethe die Vite nachweislich kannte. Er besaß eine Ausgabe aus der Bibliothek seines Vaters. Zudem machte der Dichterfürst keine geringere als Vasaris Definition vom göttlich beseelten Künstler zur Grundlage für seine spätere Auslegung des Geniebegriffs. Jenes Begriffs der sich vom antiken Genius ableitet, welcher wiederum auch die hübsche blondgelockte Frauengestalt in Vasaris Haus in Arezzo beflügelt …


https://museiarezzo.it/de/vasari-hausmuseum/

https://www.basilicasanpietro.va/it/

https://www.turismoroma.it/en/places/church-santa-maria-della-vittoria/

https://casadigoethe.it/it/

https://www.italy-museum.com/de/san-marco-museum-florenz

Abb. 7: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/9/9c/0_Monument_funéraire_du_pape_Alexandre_VII_-_St-Pierre_-_Vatican_%281%29.jpg?utm_source=de.wikipedia.org&utm_campaign=index&utm_content=original

Abb. 10: http://www.goethezeitportal.de/fileadmin/Images/db/wiss/goethe/schnellkurs_goethe/k_5/tischbein_goethe_fenster.jpg

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