Gedanken zu einer Reise nach Andros
Alfonso d’Este, Giovanni Bellini, Tizian, Bacchus, Ariadne, Praxiteles, Hermes
„Unter allen Völkerschaften haben die Griechen den Traum des Lebens am schönsten geträumt.“ (Goethe)
Zu Beginn des 16. Jahrhunderts fasste Alfonso d’Este einen Plan. Er wollte es seiner Schwester Isabella gleichtun, der klugen, politisch ambitionierten und äußerst kunstaffinen Markgräfin von Mantua. Diese hatte sich als erste Fürstin ihrer Zeit in ihrem Palast ein eigenes Studiolo eingerichtet. Solch kostbar mit Kunst und reichem Innendekor ausgestattete Räumlichkeiten, welche sowohl dem gelehrsamen Rückzug als auch dem ästhetischen Genuss dienten, kamen im ausgehenden 15. Jahrhundert unter den Mächtigen und Wohlhabenden in Italien groß in Mode. War das Motto der versammelten Gemälde Isabella d’Estes der Kampf zwischen Tugend und Laster, bevorzugte ihr Bruder Alfonso im nahe gelegenen Ferrara Bilder, die von weit weniger strengem Charakter waren. Die heiteren Seiten der antiken Mythologie, wie die Vergnügungen des Weingottes Bacchus, wählte er zum Thema für sein Studiolo, das aufgrund der Vielzahl an Bildern auch Camerino delle pitture genannt wurde. Die heute leider nicht mehr erhaltene gesamte Raumflucht der privaten Wohngemächer, die Camerini d’alabastro, waren darüber hinaus mit den edelsten Materialien äußerst kunstvoll ausgestattet.
Namhafte Künstler hatte der Herzog angefragt. Neben dem hochbetagten Giovanni Bellini, der aufgrund seines Todes das heute in Washington befindliche Gemälde des Götterfestes nicht mehr selbst vollenden konnte, waren Dosso Dossi und auch Raffael beauftragt worden. Da Raffael bereits 1520 verstarb und zudem wenig Interesse an einer solchen Aufgabe gezeigt hatte, rückte neben Dossi, der insgesamt zehn kleinformatigere Werke beisteuerte, ein Künstler in den Fokus, der die italienische Malerei der kommenden Jahrzehnte maßgeblich prägen sollte. Tizian stand am Beginn einer glanzvollen Karriere und lieferte Alfonso d’Este für sein Camerino drei heute noch erhaltene prachtvolle Gemälde. Passend zum Götterfest seines Kollegen malte er ein Venusfest, die Begegnung von Ariadne und Bacchus auf Naxos sowie das Bacchanal der Andrier.
Dieses Bild ist eines der berühmtesten von Tizians Hand. In üppiger Landschaft hat sich eine Personengruppe in fröhlicher Ausgelassenheit zu Musik, Tanz und Weingenuss zusammengefunden. Das Bild basiert auf einer Erzählung des antiken Autors Philostratus, der in seinen Imagines mythologische Bilder beschreibt. Der Autor berichtet, es hätte Bacchus auf der Kykladeninsel Andros so gut gefallen, dass er einen Fluss dort statt Wasser Wein führen ließ. Die Freuden der Berauschtheit auf Andros zeigt Tizian mit koloristischer Bravour. Seine Interpretation des antiken Textes nimmt sich dabei jedoch größtmögliche Freiheiten. Signifikant ist die Abwesenheit der Hauptperson, des Gastgebers Bacchus. Er segelt, wie Erwin Panofsky vermutete, im Meereshintergrund bereits wieder von dannen. Die bezaubernd am rechten Bildrand lagernde Schönheit könnte Ariadne sein. Von Philostratus wird sie exakt auf die Weise beschrieben, wie Tizian sie darstellte: „Schauen Sie sich auch Ariadne an, beobachten Sie, wie sie schläft: nackt von der Taille aufwärts, ihr Hals nach hinten geneigt, um ihren glatten Hals zu enthüllen, ihren rechten Unterarm vollständig enthüllt, während ihre andere Hand unter ihrer Tunika versteckt ist.“ Wer wollte so kleinlich sein anzumerken, dass sie doch eigentlich auf Naxos weilt.
Das Gemälde stellt eine Feier der Lebensfreude und des Genusses dar. Es ist das Bild mit dem sich Tizian zum unangefochtenen Meister der Farbenpracht und sinnlichen Eleganz kürte. Nicht mehr in Ferrara, sondern im Prado in Madrid kann man das Kunstwerk heute bewundern, denn das Studiolo des Alfonso d’Este gibt es schon lange nicht mehr. Bereits im ausgehenden 16. Jahrhundert wurden die Bilder entfernt und in alle Winde zerstreut.
Auch wenn die Realität nicht Tizians Idealvorstellung eines Eilands entspricht, auch wenn wir vor Ort auf Andros feststellen, dass Bacchus, Ariadne sowie der weinführende Fluss samt Festgesellschaft dort nicht mehr anzutreffen sind: Ihre in Bann ziehende herbe Schönheit hat sich die nördlichste der Kykladeninseln seit den Tagen als antike Götter hier feierten bis heute bewahrt. Mit jedem Besuch zeigt sie sich anders, mit jedem Wiedersehen verliebt man sich ein bisschen mehr. Selbst wenn die Anreise in unseren Tagen per Auto, Flugzeug und Boot und nicht mehr mit weinseligem Gefolge und Segelschiffen erfolgen muss, dauert es von fränkischer Haustüre zum so sehr ersehnten Blick über die Ägäis doch ganze 12 Stunden. Aufwändig erscheint uns Festlandbewohnern das Reisen über das Meer. Mit großer Selbstverständlichkeit gehört das Inseldasein, das Überwinden der Entfernungen über das Wasser jedoch zum dortigen Lebensalltag. Selten lassen sich solch bewundernswert gelassene Reisende finden wie auf den Fährschiffen, die zwischen den im Meer verstreuten Inseln verkehren.
Auch ohne Festgelage oder Weinflüsse ist das Verweilen auf Andros Sein in seiner schönsten Form. Vom Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang sehen wir den Tagen zu. In den Abendstunden scheint es als sei das Glitzern des Meeres sacht in den Himmel geschoben worden, der bisweilen von leuchtenden Sternschnuppen durchzogen wird. Natürlich ist es kein Zufall, dass Bacchus das Diadem seiner geliebten Ariadne an diesen Himmel geworfen hat, auf dass es als Nördliche Krone bis heute dort erstrahlt.
Ab und an wenden wir unseren Blick aber weg vom glitzernden Meer und dem funkelnden Sternenhimmel hin zur antiken Größe Griechenlands, die auf Andros natürlich ihre Spuren hinterlassen hat. Im kleinen feinen Archäologischen Musem lässt sich das besonders schöne Exemplar eines 1832 aufgefundenen Hermes bewundern. Über zwei Meter groß ist die Statue ein beeindruckendes Beispiel für die Kunstfertigkeit der Figuren von der Hand des Praxiteles. Die Marmorversion auf Andros ist die am besten erhaltene Kopie eines Bronzeoriginals des antiken Bildhauers. Im klassisch eleganten Kontrapost steht der Gott der Händler und Kaufleute in vollendet physischer Schönheit. Hermes verkörpert den Verstand, die diplomatische Beweglichkeit, den wachen Geist aber auch die List. Er gilt als dynamischer Mittler zwischen den Welten. Sein Halbbruder Bacchus, der ihm als Kind anvertraut wurde, hingegen steht für den sinnlichen Rausch, die Ekstase, das Chaos und das Überschreiten von Grenzen. Es kann kein Zufall sein, dass diese beiden sich so wunderbar ergänzenden Götter die Insel Andros zu ihrem bevorzugten Aufenthaltsort bestimmt haben.









