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Gedanken zu einer Reise im Februar nach London

The Wallace Collection, The National Gallery, Kenwood House
François Boucher, Jean-Honoré Fragonard, Antoine Watteau, Elisabeth Vigée-Lebrun, Pieter de Hooch, Thomas Gainsborough, Caravaggio, Jan van Eyck, Tizian, Leonardo, Jan Vermeer, Rembrandt

Die Annehmlichkeiten des Lebens

Für gewöhnlich besucht man die Wallace Collection in London aus einem ganz bestimmten Grund: Hier schaukelt das bezauberndste Mädchen der Kunstgeschichte. Jean-Honoré Fragonards traumschönes Gemälde in schillerndem Türkis und Rosa ist eines der ganz großen Meisterwerke dieser an Glanzstücken wahrlich nicht armen Sammlung. Über mehrere Generationen hinweg hatten die Marquesses of Hertford Kunst gesammelt. Der vierte Träger des Titels hegte eine besondere Vorliebe für französische Kunst; ein Umstand, der durch die Wirren der Revolution von 1789 noch begünstigt wurde, standen doch viele Objekte aus ursprünglich adligem Besitz nun zum Verkauf. Das reizende Porträt der Madame de Pompadour sowie die von ihr als Symbol ihrer Liebe zu Ludwig XV. in Auftrag gegebenen Großformate des „Sonnenaufgangs“ und des „Sonnenuntergangs“, die heute das Treppenhaus des Museums schmücken, gehören unter anderem dazu.


François Boucher war der bevorzugte Künstler der königlichen Mätresse. Ihm überantwortete sie die wichtige Aufgabe ihrer herausragenden Position bildlichen Ausdruck zu verleihen. Für die Ausstattung im von der Marquise präferierten Schloss Bellevue wählte der Maler die in den Metamorphosen des Ovid überlieferte Legende, nach welcher der Sonnengott Apoll jeden Morgen mit seinem Wagen aus den Meeresfluten emporsteigt, der Welt Licht und Wärme schenkt, um am Abend zurückzukehren in die Arme seiner geliebten Nymphe Thetys. Boucher findet in den monumentalen Gemälden, die als Vorlagen für Wandteppiche dienten, eine solch berauschende Bildsprache, dass man sie nur mehr schwer mit den zarten und feinen Tendenzen des Rokoko in Verbindung bringt.


Dieses Treppenhaus ist aber nur der Auftakt zu einer der schönsten Sammlungen Europas, die von der Witwe Sir Richard Wallace, dem unehelichen Sohn des letzten Marquess of Hertford, 1897 der britischen Nation vermacht wurde. Jeder Raum ist sorgsam möbliert, jedes Werk ist mit Bedacht gehängt und zeugt vom erlesenen Geschmack seiner Sammler, wählten sie doch die wahren Glanzstücke aus dem Oeuvre der jeweiligen Künstler. 1781 malte Thomas Gainsborough die Schauspielerin Mary Robinson im Auftrag ihres Geliebten, dem Prince of Wales. Bei einer Theateraufführung war der Königssohn auf die junge Frau aufmerksam geworden und hatte sich in sie verliebt. Auf dem Porträt hält Mary zum Zeichen der Verbundenheit sein kleines Bildnismedaillon in Händen. Die kurze Liaison endete jedoch bereits nach kurzer Zeit unschön. Mit Hilfe einer Erpressung verlieh die frühere Geliebte ihrer Forderung Nachdruck, ihren augenscheinlich vergesslichen Liebhaber an seine finanziellen Versprechen zu erinnern. Das Bild jedoch, das der Nachwelt überliefert wurde, zeigt die königliche Freundin zart gekleidet, träumerisch in einer poetischen Landschaft sitzend. Gainsborough komponierte eine Symphonie aus kühlen Weiß- und Grüntönen, in die sich selbst das Hündchen trefflich einfügt. Die subtile Eleganz mit der Natur und Mensch verwoben sind, war ein Kennzeichen der englischen Porträtmalerei. Über viele Jahrhunderte hinweg war sie hier, anders als auf dem Festland, die vorherrschende Bildgattung.


Im Zeitalter der Aufklärung aber rückte das Abbild des individuellen Menschen in ganz Europa in den Fokus der Bilderproduktion, wobei nun auch vermehrt Künstlerinnen sich hocherfolgreich auf diesem Gebiet etablieren konnten. Von der Hand Elisabeth Vigée-Lebruns besitzt die Wallace Collection ein besonders schönes Gemälde. Das Porträt von Madame Perregaux wurde im Jahr des Ausbruchs der französischen Revolution gemalt und erzählt noch nichts von den bald darauf einsetzenden Schrecken. Neugierig lehnt sich Adelaïde über eine steinerne Balustrade und schiebt den üppigen grünen Samtvorhang beherzt zur Seite, um zu sehen was die Zukunft wohl bringt. Sie selbst ist ebenfalls in schwere Stoffe gehüllt, die weniger der französischen Mode des ausgehenden 18. Jahrhunderts entsprechen, als der Fantasie der Künstlerin, die sich erneut am Stil ihres großen Vorbildes Rubens orientierte. Die Malerin, die vornehmlich für ihre heiteren Damenporträts berühmt ist, schuf eines ihrer unangefochtenen Meisterwerke, indem sie einer reinen Abbildhaftigkeit natürliche Lebendigkeit und unbedingten Charme entgegensetzt.


Auch Antoine Watteau verfügt über diese wie es scheint spezifisch französische Begabung, den anmutigen Seiten des menschlichen Daseins die entsprechende malerische Form zu verleihen. Von ihm sind in der Sammlung unter anderem die „Annehmlichkeiten des Lebens“ zu bestaunen. Als Kulisse für sein bezauberndes fête galante nahm der Maler das Landgut eines schwerreichen Bankiers zum Vorbild, wo sich eine kleine feine Gesellschaft zu Musik und Champagnererfrischung vor den Toren von Paris trifft.


De Gouden Eeuw?

In den nördlichen Niederlanden hingegen ging es fleißiger und bescheidener zu. Pieter de Hooch, der talentierte und zu Unrecht oft übersehene Kollege Jan Vermeers, schaut interessiert und freundlich in die Wohnungen seiner Zeitgenossen. Ein kleiner fröhlicher Bäckerjunge bringt Brot in ein vornehmes Haus. Licht flutet ins Innere nicht nur durch die geöffnete Türe, sondern auch durch die großzügigen Fenster, die, aufgrund des verwendeten teuren Glases stets ein Zeichen für Wohlstand waren. Das voluminöse Kissen auf dem Stuhl neben dem Eingang erzählt vom Fleiß der Hausfrau, die tätig ihren Geschäften nachgeht statt sich müßig auszuruhen.


De Hooch beobachtet für uns eine fürsorgliche Mutter, die ihrem kleinen Mädchen ein paar Äpfel schält, Caspar Netscher zeigt ein junges Mädchen, das in konzentrierter Versunkenheit hochkomplizierte Spitzenarbeiten anfertigt, während sie ihren Stuhl zur Wand gedreht hat, um sich gegen jegliche Ablenkung zu wappnen. Die Maler des sogenannten Goldenen Zeitalters wurden nicht müde, in ihren Bildern immer wieder subtil auf den strebsamen Fleiß der niederländischen Bevölkerung hinzuweisen, die die Region zu einer der reichsten in ganz Europa gemacht hatten.


Dass nicht alle von dieser wirtschaftlichen Blüte profitierten, zeigen hingegen nur wenige Künstler. In wesentlich bescheidenere Räume blickt der Maler Essaias Boursse. Sein Genregemälde einer über dem offenen Feuer kochenden Frau rückt den Betrachter nah an das Geschehen heran. Ein kleines dunkles Zimmer, nur mit dem Nötigsten ausgestattet, dient gleichzeitig als Küche und Schlafstätte für die ganze Familie. Während ein Baby am rechten Bildrand in seiner Wiege schlummert, türmen sich im Verschlag darüber Kissen und Decken eines ungemachten hochliegenden Bettes. Obwohl der Raum von Kargheit geprägt ist, hat dieses Werk eine bemerkenswerte Anziehungskraft. Sehr unterscheidet es sich von den doch meist so heiter gestimmten Interieurbildern der anderen Niederländer. Es ist ein ungewöhnlich intimer Blick in die Welt eines sorgenvollen und entbehrungsreichen Lebens vor 400 Jahren. Dieses Werk bleibt jedoch eine Ausnahme.


Selten kann ein Museum mit soviel Stil, Schönheit und Ästhetik aufwarten wie die Wallace Collection, deren Höhepunkt sicherlich die Große Galerie im ersten Stock ist. Hier reihen sie sich aneinander, die unangefochtenen Meister der Kunstgeschichte: Rubens und Rembrandt, Murillo und Velázquez, Claude Lorrain und Poussin, Frans Hals und Anthonis van Dyck, Domenichino und Tizian, Canaletto und Guardi. Und als wäre es all dieser illustren Namen nicht genug, wurde zu Beginn des Jahres noch ein weiterer, ganz besonderer Gast eingeladen. Caravaggios siegreicher Amor ist aus der Gemäldegalerie Berlin angereist, um in einer kleinen Sonderschau von seiner südlichen Herkunft zu erzählen. Keck und unbekümmert turnt er über all die irdischen Gegenstände hinweg, die das menschliche Dasein definieren: Alle verlieren sie an Bedeutung im Angesicht der Liebe.

Jan van Eyck war hier

An der berühmtesten Vermählung der Kunstgeschichte hatte der freche Liebesgott vermutlich eher weniger Anteil. Schloss man Ehen im 15. Jahrhundert doch meist ganz pragmatisch aus wirtschaftlichen Gründen. Trotz fehlender Romantik zählt die Arnolfini-Hochzeit von der Hand Jan van Eycks aber zu einem der ikonischen Werke. Stets ist das kleine Bild von einer Menschentraube umringt. Geduldig reihe ich mich in die Wartenden ein, um die feinen Details dieses großartigen Gemäldes in Augenschein nehmen zu können. In einem einfachen Wohnraum geben sich der italienische Bankier Arnolfini und seine junge Frau ihr Eheversprechen. Zu jener Zeit brauchte es hierfür noch keinen Pfarrer, sondern lediglich einen Zeugen; eine Aufgabe, die in diesem Fall der Künstler übernimmt. An der Inschrift über dem berühmten Spiegel, der die gesamte Szene als Repoussoir im Miniaturformat noch einmal wiedergibt, steht zu lesen: Jan van Eyck war hier. Der kurze Satz liefert neben der minutiösen bildlichen Feinarbeit den Realitätsbeweis des gemalten Moments.


So klein dieses Gemälde auch ist, so groß erweist sich die Strahlkraft sowohl seiner meisterhaften Handwerklichkeit als auch seiner virtuosen und tiefgründigen Komposition. Jedes noch so geringe Detail wurde mit sorgfältigem Ernst wiedergegeben, wobei dem Glanz der Oberflächen besondere Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Niemand vor Jan van Eyck hat es vermocht, die Wirkung des Lichts auf durchscheinende Glaskugeln oder feucht glänzenden Hundenasen so darzustellen. Niemand vor ihm hat die stille Existenz der Dinge so gefeiert wie er. Wendet man den Blick vom Kleinen dem Großen zu, ist das Staunen nicht geringer. Trägt der Bräutigam der damaligen Mode entsprechend dunkle, jedoch äußerst exquisite Stoffe, ist seine ihm Angetraute in ein üppiges grünes Obergewand mit Schleppe gekleidet. Die weiße aufwändig gerüschte Haube sowie der feine helle Pelzbesatz rahmen die Silhouette ihrer Erscheinung extravagant. Die junge Frau steht vor einem leuchtend roten Himmelbett, sodass die rechte Seite des Bildes in einem kräftigen Farbkontrast erstrahlt. Die frisch Vermählte ist der Sphäre des Häuslichen zugeordnet, was auch ihre roten Pantoletten im Hintergrund verraten, die aufgrund der kostbaren Materialien nur für Innenräume gedacht sind, während seine hölzernen Überschuhe für eine rauere Außenwelt gearbeitet sind. Der Gatte wird vom hereinfallenden Licht beschienen und steht direkt neben dem geöffneten Fenster. Ein Kirschbaum mit hellroten Früchten ist durch den schmalen Spalt zu erblicken, einige goldgelbe Aprikosen liegen auf dem inneren Fensterbrett. Sie sind die einzigen Farbwerte in diesem Teil des Gemäldes. Die hölzernen Trippen und das Hündchen am vorderen Bildrand übernehmen eine Vermittlerfunktion in den Alltag des Betrachters. Eindrücklich erzählt die Arnolfini-Hochzeit vom irdischen Leben dieses Menschenpaares, dessen Existenz jedoch unabdingbar in den christlichen Kontext eingebettet ist. Auf den winzigen, den Spiegel rahmenden Medaillons sind zehn Szenen der Passion Christi zu sehen.


Die Wunder Leonardos

Das Göttliche mit dem Menschlichen zu verbinden, bildliche Formen für eine Beziehung zu finden, die eigentlich nicht darstellbar ist, war eine der großen Aufgaben der Kunst in vergangenen Zeiten. Leonardo stellte sich dieser Herausforderung und fand Lösungen von bis heute unübertroffener Schönheit. Es muss im Florenz der Zeit um 1500 ähnlich zugegangen sein wie im Jahre 2026 an einem verregneten Samstag im Februar: „Männer und Frauen, jung und alt, strömten zwei Tage lang in den Raum, in dem die Zeichnung ausgestellt war, um sie zu sehen, als wäre es ein feierliches Fest, um die Wunder Leonardos zu bewundern, die all diese Leute in Erstaunen versetzten,“ berichtet Giorgio Vasari. Die Begeisterung und Aufmerksamkeit, die nicht erst das vollendete Werk, sondern bereits die Zeichnung auslöste, war zu jener Zeit noch ungewöhnlich. Hatte diese doch noch einige Jahrzehnte zuvor als reines Arbeitsmittel innerhalb des Entstehungsprozesses eines Gemäldes gegolten. Nun aber sah man in der Zeichnung den eigentlichen Ausdruck des kreativen Geistes; war sie es doch die dem künstlerischen Gedanken unmittelbar Form verlieh. Noch eindrücklicher ist das Seherlebnis, wenn es sich wie bei Leonardos Annaselbdritt um ein Großformat handelt, das aus acht Papieren zusammengefügt ist.


Der Künstler zeigt Maria auf dem Schoß ihrer Mutter Anna sitzend zusammen mit ihrem Sohn Jesus und dem Johannesknaben in einer noch nie gesehenen Anordnung. In zärtlicher Verbundenheit offenbart sich eine überaus virtuos komponierte familiäre Szene vor anmutiger Landschaft, die jedoch nichts Künstliches in sich trägt. Eine von aufrichtiger Fürsorge durchdrungene liebevolle Innigkeit, die sich in den Gesten, Blicken und Bewegungen äußert, scheint direkt der Realität abgelauscht. Das Verhalten der vier Figuren entspricht dem wirklicher Mütter und Kinder, was die Glaubwürdigkeit der heilsgeschichtlichen Botschaft in hohem Maße steigert. Hatten bis dato biblische Figuren in starrer Symmetrie verharrt, um ihre herausgehobene Stellung zu betonen, haucht Leonardo diesen nun menschliche Emotionen ein. Sein selbst in der Zeichenkunst so unnachahmliches Sfumato verleiht den Formen jene weiche Eleganz, die bis heute staunen macht.

Ariadne in Ferrara

Wir verweilen noch ein bisschen bei den Italienern, auch wenn die Auswahl ob der Fülle an Meisterwerken in der National Gallery mehr als schwerfällt. 1837 wurde das Haus am Trafalgar Square errichtet, um die 13 Jahre zuvor von der britischen Regierung erworbenen Kunstwerke des russischen Bankiers John Julius Angerstein sowie weitere in Folge geleistete Schenkungen hochrangiger Persönlichkeiten adäquat zu präsentieren. Die bis zu sechs Millionen Kunstinteressierten, die diese hochbedeutende Gemäldesammlung jedes Jahr besuchen, machten bereits in den 1990er Jahren einen Anbau nötig, der dem ehrwürdigen klassizistischen Ursprungsgebäude nun postmoderne Nüchternheit entgegensetzt. Im Sainsbury-Flügel, über den man neuerdings das Museum betritt, befinden sich die Werke der frühen italienischen Renaissance, während sich die Werke der Künstler des 16. Jahrhunderts in den prachtvollen Sälen des Hauptgebäudes befinden.


Tizians fulminantes Werk, das den Beginn der Liebesgeschichte von Bacchus und Ariadne auf Naxos erzählt, war ursprünglich für den Herzog von Ferrara gemalt worden. Es ist Teil einer Raumausstattung, für die Alfonso d’Este den Anspruch erhob, die herausragendsten Künstler seiner Zeit versammelt zu haben. Leider sind die Camerini d'Alabastro heute nicht mehr in ihrem ursprünglichen Zustand erhalten, denn die Bildersammlung wurde zerstreut. Vieles gelangte nach Rom, Tizians Bild hingegen nach London. Wie alle anderen Gemälde im herzoglichen Studiolo des Palazzo Ducale hat es die Freuden des Feierns, des Trinkens und des Wohlgenusses zum Thema. Keine andere Figur verkörpert dies so sehr wie der Weingott Bacchus, der mit seinem Gefolge fröhlich durch die Gegend zieht. Auf der Insel Naxos trifft er auf die gerade von Theseus verlassene Ariadne, die ihrem davonsegelnden Geliebten wehmütig nachsieht. Just in diesem Augenblick entdeckt sie jedoch Bacchus, der mit seinem Zug zum Stehen kommt. Die dynamischen Drehbewegungen des Bacchus und der Ariadne erzählen einerseits vom Abschiednehmen und andererseits von einer Liebe auf den ersten Blick. Die Hoffnung auf einen Neuanfang wird versinnbildlicht, indem der Weingott mit Verve das Diadem seiner Zukünftigen an den Himmel schleudert, damit es dort auf ewig strahlen möge.


Alles in diesem Gemälde ist so wohldurchdacht und komponiert, dass selbst der passive Betrachter in einen wahren Rausch des Sehens kommt, ob der faszinierend anmutigen Fülle an Motiven. Mit spürbarer Begeisterung widmet sich der Künstler den nach vermutlich lebenden Modellen gezeigten Geparden, die den Wagen des Bacchus ziehen, während der bocksbeinige Satyr einen abgeschlagenen Tierkopf hinter sich herschleift. Jener detailreiche Humor, jenes lustvolle Augenzwinkern, das sich in jedem Winkel dieses koloristischen Meisterwerks versteckt, macht es zu einer Ausnahmeerscheinung im Oeuvre des großen Venezianers. Sicherlich spielt die Tatsache, dass auch andere Künstler vom Herzog beauftragt wurden diesen Raum auszuschmücken, keine geringe Rolle. Der Paragone, der edle Wettstreit zwischen Konkurrenten, war ein beliebtes Werkzeug seitens der Auftraggeber die Künstler zu Höchstleistungen anzuregen.


Ein Ausflug aufs Land

Was wäre aber ein Aufenthalt in London ohne eine kleine Landpartie? Nicht weit vom Zentrum entfernt, in Hampstead, befindet sich das stattliche Kenwood House. Fast fühlt man sich in die Kulisse einer Jane Austen Verfilmung versetzt, würden die übrigen Besucher nicht ob des typischen englischen Wetters statt zarter Musselinkleider praktische Funktionsjacken tragen. Im 17. Jahrhundert erbaut, erlebte das Anwesen weitreichende Veränderungen und Umbauten im Laufe der Jahrhunderte. Die prägendste war sicherlich die elegante Raumschöpfung der Bibliothek des Architekten Robert Adams. Die Fresken stammen von dem italienischen Künstler Antonio Zucchi, dem Ehemann der Angelika Kauffmann, die mit etlichen Werken in der umfassenden Kunstsammlung des Hauses vertreten ist.


Zahlreiche Spuren haben die früheren Bewohner nicht nur in der Architektur des Hauses, sondern auch in den ausgestellten Kunstwerken hinterlassen. Man erhält einen Eindruck vom luxuriösen, hochprivilegierten Leben, welches der englische Adel bis in die Gegenwart den Anspruch erhebt zu führen und das mit dem Begriff Entitlementvermutlich seine beste Umschreibung findet. Elegante Abendgesellschaften, königliche Besuche und Parkvergnügen gehören zur Geschichte des Hauses wie auch eine Kunstsammlung, die mit spektakulären Werken aufwarten kann. Ihr Erwerb geht vornehmlich auf Edward Cecil Guinness, 1. Earl of Iveagh zurück, der das Anwesen 1925 von der Familie Mansfield erworben hatte und es nach seinem Tode 1927 der britischen Nation vermachte.


Neben bezaubernden Rokokogemälden von der Hand François Bouchers oder auch Familiendarstellungen in typisch englischer Bildnismanier sind doch drei Werke die unangefochtenen Glanzlichter dieser Sammlung: Das Porträt des niederländischen Haudegens und Mitglieds der Ostindienkompanie Pieter van den Broecke von Frans Hals in unnachahmlicher Weise festgehalten, Rembrandts geheimnisvolles großformatiges Selbstporträt sowie eines der äußerst raren Werke Jan Vermeers. Fast ist man versucht zu sagen, die Gitarrenspielerin sei ein „typischer“ Vermeer. Findet man doch all das in diesem Gemälde, wofür dieser Zartmeister der Damen- und Mädchendarstellungen zu Recht so sehr geschätzt wird: der nahsichtige Blick in ein Zimmer jener Zeit, geschmückt von einem Landschaftsgemälde und einigen im Hintergrund achtlos gelagerten Büchern, davor im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit das feine Mädchen, welches mit viel Wichtigerem beschäftigt ist. Sie entlockt einer Gitarre Töne und sieht mit freudig gespanntem Antlitz zu einem Gegenüber außerhalb des Bildraumes, das uns leider verborgen bleibt. Vornehm gestaltet sich ihre Aufmachung mit pelzverbrämter Satinjacke, eleganter Lockenfrisur und Perlenkette. Die asymmetrische Positionierung des Mädchens, ihr charmantes Aufleuchten, die sie vollständig durchdringende Aufmerksamkeit lassen erneut die so leise wie berückend schöne Meisterhaftigkeit Vermeers erkennen.


Die fröhliche Gitarrenspielerin befindet sich in illustrer Gesellschaft, wobei ihr Nachbar gegensätzlicher nicht sein könnte. Nahezu zeitgleich mit Vermeer malte Rembrandt eines seiner berühmtesten Selbstporträts. Fast unwirsch ließ er manche Partien betont unfertig. Mit dem Pinsel hat er in die Farbe gehackt, um gewissen Texturen Struktur zu verleihen. Sich selbst zeigt er in wenig ansprechender Arbeitskleidung bei seiner Tätigkeit, wobei er sich ungewöhnlich offensiv seinem Publikum präsentiert. Viel wird immer noch gerätselt über die beiden Halbkreise im Hintergrund. Schlüssig erscheint die Theorie des perfekten Kreises, den es für jeden herausragenden Künstler freihändig an die Wand zu werfen gilt.

Zwei Künstler schätzten dieses Gemälde ganz besonders wert: Joshua Reynolds lobte Farbe und Wirkung, trotz der für ihn unvollendet wirkenden Art. Der Maler, der dieses Selbstporträt jedoch so sehr bewunderte, dass er eine exakte Kopie davon anfertigte, war Jean-Honoré Fragonard; jener Franzose, der das bezauberndste Mädchen der Kunstgeschichte schuf.


https://www.wallacecollection.org

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https://www.english-heritage.org.uk/visit/places/kenwood/

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