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Gedanken zu einer Reise nach Paris im Januar – Teil 2

Gerhard Richter in der Fondation Louis Vuitton, Georges de la Tour im Musée Jacquemart André, L‘empire du sommeil im Musée Marmottan

„Malen ist eine andere Form des Denkens.“

Die Fondation Louis Vuitton hat diesen Winter weder Kosten noch Aufwand gescheut eine Retrospektive des wichtigsten und teuersten Malers der Gegenwart zu gestalten. 275 Werke von Gerhard Richters Hand können im spektakulär von Frank Gehry errichteten Ausstellungsgebäude im Bois de Boulogne noch bis Ende März besichtigt werden. Wie aber soll man sich diesem Großkünstler, dessen Schaffenskraft schier unerschöpflich scheint, nun nähern? Er selbst gibt keine Hilfestellung: „Ich verfolge keine Absicht, kein System, keine Richtung. Ich habe kein Programm, keine Botschaft, keinen Stil, kein Anliegen.“ Nur selten entziehen Künstler ihr Schaffen derart rigoros einer interpretierenden Kontextualisierung. So bleibt dem Betrachter nur der Weg zum Kunstwerk und dieser zumindest wird ihm in der Ausstellung leicht gemacht. Niederschwellig ist die Wegeführung, die einen sanft an die Hand nimmt und durch die Fülle der so überwältigenden wie heterogenen Arbeiten Richters führt. Vertraute Ikonen wie das verlorene Profil seiner Tochter Betty oder die berühmten Kerzenbilder scheinen wie Rettungsanker in diesem Bildermeer.


Spricht man für gewöhnlich von der Handschrift eines Künstlers, vom roten Faden, der sich durch ein Oeuvre zieht, wird schnell klar, dass dieser Ansatz hier nicht funktioniert. Stattdessen scheint es als würde Richter die Gattung der Malerei minutiös sezieren. Als hätte er ein Kategoriensystem angelegt, in das er die Komponenten des Malens aufteilt. Alle Ebenen lotet der Künstler bis in den letzten Winkel aus: Seine Technik reicht von minutiöser Feinarbeit mit dem Pinsel bis hin zum groben Rakelauftrag dickflüssiger Farbmassen. Durch seine Hand entstehen durchgängig monochrome Leinwände in der Nichtfarbe Grau genau wie ein duftig kleiner Blumenstrauß. Die Bilder können sich jeglicher Themenzuordnung entziehen oder erschütternd von den tiefsten Abgründen des Menschseins erzählen. Der Künstler vermag hochpolitisch zu sein und im nächsten Moment durch stumpfes Abmalen trivialer Vorlagen seiner Arbeit jeden Sinn entziehen. Richter setzt seine Malerei ins Verhältnis zur Fotografie genauso wie zu Ikonen der Kunstgeschichte. Stets hat er dabei auch den Betrachter im Blick, erkennbar an den Spiegeln und schwenkbaren Glasblöcken, die immer wieder das Schauen aufs Bild erschweren oder verändern und dadurch bewusst werden lassen. Mit Kalkül wählt er in jeder Schaffensphase die passenden Komponenten aus und kombiniert die einzelnen Versatzstücke seines malerischen Baukastensystems. Die Verbindung von brillanter Handwerklichkeit und höchster Intellektualität während dieses Vorgangs ist atemnehmend. Keine einzige Sekunde kommt der Verdacht von Beliebigkeit oder banaler Irrelevanz auf. Stets wirken die Arbeiten bis ins Letzte durchdrungen vom absoluten Willen des Künstlers, der seine völlige Neutralität hinsichtlich seiner Kunst betont.


Ob man nun mehr ergriffen ist von den in langwierigen Arbeitsprozessen entstandenen Rakelbildern, den so berühmten Stillleben oder den ästhetisch berückenden Unschärfebildern ist sicherlich Geschmackssache. Die eher klassisch orientierte Kunsthistorikerin hat ihren Favoriten schnell ausgemacht. Die Hommage an Tizians Verkündigungsdarstellung ist auf subtile Weise ergreifend. Eine ganze Serie widmet Richter diesem Renaissancegemälde. Mit jedem Bild verliert das religiöse Motiv mehr und mehr seine Erkennbarkeit, um sich schließlich in ein abstraktes ätherisches Farbrauschen aus reinem Rot, Weiß und Grau zu verwandeln. Vielleicht hat kein anderer Maler Tizians tiefe Liebe zur Farbe so verstanden wie Richter.


So anrührend mir diese Arbeiten auch erscheinen, so verbergen auch sie nicht die Ausgangslage, die dem gesamten Werkschaffen Richters zugrunde zu liegen scheint: nicht das Fühlen, nicht die Inspiration, nicht das Hingezogensein oder sich emotional Vertiefen in die Kunst, sondern das wahrhafte rationale Denken. 2017 verkündete der Künstler nicht mehr malen, sondern zeichnen zu wollen. Kein Zufall ist es sicherlich, dass er sich in seinen letzten Lebensjahren für die seit der Renaissance erklärte Königsdisziplin aller Kunstgattungen entschieden hat. Jetzt ist er am Ursprung allen künstlerischen Tuns angelangt.

Entre ombre et lumière

Leiser und zurückhaltender zeigt sich eine andere monografische Ausstellung, die im Musée Jacquemart André dem Barockmaler Georges de la Tour gewidmet ist. In Lothringen tätig, war er ein äußerst erfolgreicher und wohlhabender Künstler, der bis in die Dienste des französischen Königs Ludwigs XIII. aufstieg. Nach seinem Tod 1652 geriet er in Vergessenheit, um erst zum Beginn des 20. Jahrhunderts wiederentdeckt zu werden. 80 Werke seiner Hand, die über die Zeit hinweg den verschiedensten Malern zugeschrieben wurden, sind heute überliefert. Da sich kein einziges schriftliches Dokument zu seiner Biografie erhalten hat, muss Spekulation bleiben, ob der Künstler selbst nach Italien gereist war und dort die Werke Caravaggios mit eigenen Augen gesehen hat oder lediglich Bilder von Zeitgenossen, die die neue realistische Helldunkelmalerei adaptiert hatten. Dass diese großen Innovationen immensen Einfluss auf die Arbeit de la Tours hatten, ist augenscheinlich. Er gilt heute als der bedeutendste und früheste Caravaggist Frankreichs, der im Gegensatz zu seinem italienischen Kollegen keine Scheu davor hat, die Lichtquelle auch direkt ins Bild zu setzen. Sie avanciert neben den Figuren zum Hauptakteur. Kein anderer Künstler hat der Beleuchtung, vor allem aber deren Wirkung soviel Aufmerksamkeit geschenkt wie Georges de la Tour. Klar scheiden die Umrisslinien das Dunkel vom Hell. Erst die völlige Verschattung in die Finsternis der Hintergründe lässt das Kerzenlicht fast magisch wirken. Es ist einzigartig in der Malerei wie sich die Materialbeschaffenheit der dem Licht zugewandten Oberflächen in einen nahezu durchscheinenden Glanz auflöst. Und erst dieses Licht scheint die, oft in warmes Rot oder Braun gekleideten Menschen zu erschaffen, als würde nicht nur ihr Bild, sondern auch ihre Existenz erlöschen, wenn man die Kerzen ausbliese.


Monumentale Ruhe strahlen diese großen, schlicht erfassten Figuren aus. Stets befinden sie sich in dunklen Innenräumen, die nicht näher erläutert werden. Ob Heilige oder Menschen einfachster Herkunft, immer sind sie mit sich selbst beschäftigt. Nie fällt ein Blick aus ihrer Welt in unsere Wirklichkeit. Ihre Aufmerksamkeit und ihr Bewusstsein sind auf den Raum begrenzt, der vom Kerzenschein erleuchtet wird. Wobei dieser bei de la Tour immer etwas zutiefst Beruhigendes, Umhüllendes hat. Das schönste Beispiel für diese Besonderheit ist vermutlich das anrührende Gemälde der zwei Frauen mit dem Neugeborenen. Rasch assoziiert man hier eine Darstellung von Christi Geburt. Bei näherer Betrachtung handelt es sich jedoch um eine liebevolle Genreszene, denn kein Heiligenschein, weder Josef noch Ochs und Esel sind beigegeben. Stattdessen hält die Freundin fürsorglich eine Kerze und schirmt die Flamme so ab, dass das Baby nicht in seinem Schlaf gestört wird. Behutsam hält die junge Mutter ihr Kindlein im Arm und scheint selbst noch über dieses schlummernde Wunder zu staunen.

L‘empire du sommeil

Georges de la Tours Neugeborenes hätte auch gut in die dritte der hochkarätigen Ausstellungen gepasst, denn allein dem Schlaf widmet man im Musée Marmottan eine eigene Schau. Das so originelle wie alltägliche Thema wurde von den Kuratoren auf charmante Weise in unterschiedlichen Abteilungen veranschaulicht. Von vom Schlaf überwältigten Kindern, lasziv ruhenden Göttinnen, Träumen und Albträumen bis hin zur ewigen Ruhe reicht das Spektrum. Diese unterschiedlichen Spielarten sind faszinierend aufzuzeigen, denn so vielfältig der Schlaf ist, so wichtig ist er auch. Ob gerne oder nicht: Jeder muss es tun. Jeder muss schlafen. Ein ganzes Drittel seiner Lebenszeit verbringt der Mensch im Schlaf. Obwohl die nächtliche Ruhepause lebensnotwendig ist, konnte bislang nicht vollständig erforscht werden, warum wir schlafen. Was der Wissenschaft immer noch Rätsel aufgibt, fand jedoch stets das Interesse der Künstler, zeigt es den Menschen doch in einem seltsam faszinierenden Zwischenzustand. Er ist physisch anwesend, von seiner Umwelt aber dennoch getrennt durch die geistige Absenz, die ihn in andere (Traum)welten geführt hat.


Gemälde von schlafenden Kindern bilden den Auftakt der Pariser Ausstellung. Da ist das Mädchen im Sonntagsstaat mit elegantem Muff, das urplötzlich von seiner Müdigkeit übermannt wurde und in der feinen Aufmachung, die so gar nicht zum Schlafen geeignet scheint, umso mehr entzückt. Daneben hat sich ein kleiner ärmlicher Veilchenverkäufer seiner völligen Erschöpfung hingegeben. Die blauen Sträußchen in seinem Bauchladen kontrastieren in ihrer lieblichen Schönheit auf traurige Weise mit dem augenscheinlich kärglichen Leben des Jungen. Die Jesuskinder in dieser Abteilung dürfen hingegen nahezu sorglos im Schoß ihrer schönen Mütter schlummern, welche stets aufmerksam über dem Schlaf ihrer Söhnchen wachen.


Noch weitere Beobachter finden sich in der Ausstellung, die jedoch in einem ganz anders gearteten Kontext angesiedelt sind. Einige von ihnen können nicht vom Verdacht des Voyeurismus freigesprochen werden, zu unausgewogen gestaltet sich die Dichotomie aus männlich aktivem Schauen und unbewusst weiblichem Betrachtetwerden. Die delikate Geschichte von Jupiter und Antiope ist deshalb aus heutiger Sicht hochproblematisch. Der Göttervater nähert sich in Gestalt eines Satyrs der anmutigen Nymphe. Stets wird diese schlafend dargestellt, damit Jupiter ihre begehrenswert überirdische Schönheit genüsslich und in Ruhe bewundern kann. Und wir wissen, dass es dabei leider nicht bleiben wird.

Gerade im 19. Jahrhundert fand diese Erzählung besonderen Anklang. Konnte man doch unter dem Deckmantel der Mythologie ungehindert lasziv lagernde, von Männern betrachtete Frauenakte zeigen. Dass das Publikum vor dem Bild nahezu die gleiche Position einnimmt wie der Voyeur im Bild, tat der Beliebtheit der Gemälde keinen Abbruch. Ingres und Manet liefern gleich zwei Varianten in der Pariser Ausstellung.

Als humorvolle Abwandlung des Themas und als augenzwinkernde Reminiszenz an Füsslis Nachtmahr muss Ditlev Bluncks Interpretation verstanden sein. Ein häsisches Mischwessen, das eher einem liebenswerten Gesellen gleicht als einem Schreckgespenst, hockt auf dem Bauch einer selig träumenden jungen Frau. Welch hintergründige Bedeutung all die im Zimmer verteilten anspielungsreichen Attribute haben, wer die Kerze erst gerade ausgeblasen hat, warum die samtene Draperie in diesen aufgewühlten Zustand geraten ist und von wem wohl das Blumensträußchen stammt, darf der Betrachter ganz allein entscheiden. Von all dem unbeeindruckt zeigt sich der kleine Nachtmahr völlig versunken in den Anblick seiner Angebeteten.


Aber natürlich gibt es auch Schlafende, deren Umschlungensein Ausdruck tiefster Verbundenheit und Liebe ist. Nicht müde wurde Rodin diesen Zustand in zahlreichen Variationen immer wieder aufs Zärtlichste in seinen Skulpturen zu zeigen. Bezaubernd ist die Hängung einer schlummernden Venus von Simon Vouet direkt über dem innigen Liebespaar. Noch etliche Kostbarkeiten gäbe es zu entdecken, wie das Skizzenblatt zum Zustand einer Schlafmütze oder auch die vor geistiger Erschöpfung auf ihrem Schreibtisch ruhenden Evangelisten. Das aber vielleicht eindrücklichste Gemälde, welches die Intention dieser fein kuratierten Schau am besten zusammenfasst, ist ein Gemälde Johann Heinrich Füsslis. Natürlich darf ein Werk dieses Künstlers, der sich wie kein Zweiter mit dem Schlafen und Träumen beschäftigte, in einer Ausstellung wie dieser nicht fehlen. Nicht aber sein berühmter Nachtmahr, sondern der Hirte Lycidas ist aus der Hamburger Kunsthalle angereist. Während der Hintergrund von einem dunklen Nachthimmel überspannt wird, der lediglich von einer schmalen Mondsichel beleuchtet ist, ruht die gesamte Aufmerksamkeit auf dem dicht am vorderen Bildrand Schlafenden. Der Oberkörper liegt auf einer kleinen Felserhöhung, sein Kopf ist auf dem linken Arm gebettet, während die rechte Hand das nackte ausgestreckte Bein umfasst. Dieses fungiert wie eine Trennlinie zwischen der nächtlich unbewussten Welt des schlafenden Jungen und unserer wach beobachtenden Aufmerksamkeit. Füssli vermag durch die Eleganz der Form, das subtile Abtönen des Kolorits, die friedliche Entspanntheit der körperlichen Komposition im Raumgefüge dem Schlaf, diesem faszinierend geheimnisvollen Zustand des menschlichen Daseins, ein berückend schönes Bild zu geben.


https://www.fondationlouisvuitton.fr/en/events/gerhard-richter-exhibition

https://www.musee-jacquemart-andre.com

https://www.marmottan.fr

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