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Gedanken zu zwei Tagen in Potsdam und Berlin

Neues Palais Potsdam, Museum Barberini, Helmut Newton Stiftung, Naumburger Dom
Friedrich der Große, Caravaggio, Artemisia Gentileschi, Pissarro, Rico Puhlmann, Naumburger Meister, Michael Triegel

Neues Palais

Als der Sommer des Jahres 2025 seine lange Pause machte, fuhren wir nach Berlin. Je schlechter das Wetter, umso mehr Zeit bleibt für die Kunst. Eine (Wieder)Entdeckung der besonderen Art hielt die Nachbarstadt Potsdam bereit. Nicht in der Gemäldegalerie von Sanssouci, wo die Bilder so ungünstig hängen, dass selbst der großartige ungläubige Thomas von Caravaggio ob der Lichtspiegelungen kaum sichtbar ist, sondern im erst kürzlich wiedereröffneten Neuen Palais erwarten wahrlich kunsthistorische Kostbarkeiten den interessierten Besucher.


Weitläufig spiegeln nicht nur die scheinbar grenzenlosen Parklandschaften, sondern vor allem das über eine Frontlänge von 220 Metern quergelagerte Neue Palais den Machtanspruch Friedrichs II. Siegreich aus dem Siebenjährigen Krieg hervorgegangen, sollte der Neubau die kürzlich erlangte Bedeutung des Hauses Hohenzollern bekräftigen. Gleichwohl spielte man nun mit im Orchester der Großmächte und dieser mit viel Blutzoll erlangten Position musste nun auch architektonisch Ausdruck verliehen werden. Friedrich selbst bezeichnete die Anlage als Fanfaronade, als Angeberei. Obwohl der Preußenkönig seinem Vater zu dessen Lebzeiten alles andere als zugeneigt war, prankt im Mittelrisalit der Wahlspruch Friedrich Wilhelms I. „Nec soli cedit.“ Selbst der Sonne weicht er nicht. Eine Devise, die nichts an Deutlichkeit zu wünschen übrig lässt.


In nur sechs Jahren von 1763 bis 1769 wurde der Bau fertiggestellt. Diente er zunächst als Sommerresidenz und festliches Gästehaus mit Appartements für den König, wurde das Schloss später Hauptwohnsitz der deutschen Kaiser, die die Gebäude umfassend mit den damals neuesten Bequemlichkeiten wie elektrischem Licht und Badezimmern ausstatten ließen. Nach funkelndem Grottensaal und üblichen Repräsentationsräumen die der heutige Besucher umstandslos durchschreiten darf, gelangt man schließlich in die Obere Galerie. Vielleicht als moralische Erbauung für seinen Neffen und Nachfolger Friedrich Wilhelm II., der in der Nähe seine Gemächer hatte, ließ Friedrich II. 1768 großformatige Bilder in die Holzvertäfelung einlassen.


Viel ist geschrieben worden über den sogenannten Philosophen auf dem Fürstenthron. Musisch begabt, kunstaffin und umfassend gebildet konnte er grausam und skrupellos im weltpolitischen Geschehen wie auch im privaten Umfeld sein. Parlierte er im zauberhaften Lustschloss Sanssouci mit ausgewählten männlichen Freunden und gab berührend schöne Flötenkonzerte, behandelte er seine Ehefrau Elisabeth Christine von Braunschweig-Wolfenbüttel-Bevern Zeit seines Lebens mit größter Geringschätzung und Nichtachtung, indem er sie konsequent aus seinem Leben ausschloss. Nach kriegsbedingter siebenjähriger Trennung sollen seine einzigen Worte an sie gewesen sein: „Madame sind korpulenter geworden.“ Anscheinend ausschließlich in Bildform ertrug der große Friedrich weibliche Gesellschaft.


Zwei Gemälde der Galerie sind deshalb besonders hervorzuheben, denn sie haben Frauen nicht nur zum Bildmotiv, sie sind auch von einer Künstlerin geschaffen. Keine geringere als die einzigartige Artemisia Gentileschi malte die elegante Bathseba im Bade sowie Lukretia, die sich nach der Vergewaltigung durch Tarquinius erdolcht. Es sind komplexe Geschichten, in denen sich die Protagonistinnen einer männlichen (gewaltvollen) Übermacht gegenübersehen, die im letzteren Fall sogar tödlich endet. Die Künstlerin vermag den Geschichten eine brillante Form zu verleihen, die das Grauen aber auch die Ambivalenz der jeweiligen Entscheidung und deren Folgen vielsagend andeutet. Erst kürzlich restauriert, zeigen die Bilder nun die ausgefeilte Virtuosität ihrer Malerei in vollem Glanz: das edle Kolorit, eine kluge Komposition, sinnliche Bildausschnitte, die neugierig machen und natürlich eine Beherrschung der Darstellung von Körperlichkeit wie sie nur wenige Künstler jener Zeit auf diesem Niveau auszuführen vermochten. Nicht zu Unrecht wurde Artemisia Gentileschi als der einzig wahre Nachfolger Caravaggios bezeichnet. Auch diesen beiden Gemälden im Neuen Palais hätte man jedoch eine Hängung gewünscht, die ihrer künstlerischen Größe gerecht würde.

Museum Barberini

In Potsdam sind neben den zwei herausragenden Italienerinnen auch französische Gäste zugegen. Im Museum Barberini hält einer der berühmtesten Impressionisten Hof. In der umfangreichen Einzelschau „Mit offenem Blick. Der Impressionist Pissarro“ werden neben den sieben Werken der Plattner Sammlung noch 100 weitere hochkarätige Bilder aus verschiedenen internationalen Institutionen gezeigt.


Ursprünglich aus der Karibik stammend, könnte man Pissarro als den Realisten unter den Impressionisten bezeichnen. Ist die Anmut, die hübsche Eleganz, überhaupt das eher angenehme Dasein des Menschen in der kultivierten Natur zum Freizeitvergnügen ein häufiges Thema seiner Kollegen, schaut Pissarro leiser und auf den ersten Blick wesentlich unspektakulärer auf das einfache Leben. Ein häufiges Motiv war die Arbeit auf dem Lande wobei diese Tätigkeit von ihm weder sentimentalisiert noch banalisiert wird.


Auch in der Stadt ist sein Blick der eines geduldigen Beobachters, nicht aber der eines Voyeurs, wie man ihn von etlichen Künstlern jener Zeit kennt. Die Art wie Pissarro aus Fenstern blickt oder der Großstadt dabei zusieht wie sie sich täglich neu versucht im Chaos zu ordnen, hat fast etwas Philosophisches. Begleitet von exzellent verfassten Erläuterungstafeln breitet die Ausstellung opulent die Facetten dieses Künstlers vor seinen Besuchern aus. Von einem angenehmen Farbmantel umhüllt schreitet man durch die Säle und verlässt das Museumsgebäude mit dem brennenden Wunsch sofort nach Frankreich reisen zu wollen.


Helmut Newton Stiftung

Nicht Paris steht jedoch als nächstes Ziel an, sondern das nahe liegende Berlin. Die Newton Stiftung lockt mit der Ausstellung „Polaroids“. Ob der vielen ins große Format gezogenen Exponate verliert sich aber leider der optische Charme, der diese Technik ja eigentlich auszeichnet. Entschädigt wurden wir aber ganz unverhofft. Im Obergeschoss darf der talentierte Rico Puhlmann sein Können in einer eleganten Einzelschau namens „Fashion Photography 50s–90s“ entfalten. In den 50er Jahren als Illustrator für Modemagazine tätig, ging er, als die Zeichnung zunehmend von der Fotografie abgelöst wurde, diesen Schritt mit und fand für seine ästhetischen Vorstellungen mit der Kamera ebenso überzeugende Bilder wie vormals mit dem Stift. Fast etwas wehmütig wird man beim Anblick der Eleganz, der Mühe und der respektvollen Art wie sich Menschen früher ihrem Gegenüber präsentiert haben. Vor allem die Mode der 60er Jahre hat Puhlmann kongenial in Fotografien festgehalten. Man spürt nahezu die Stoffe, man fühlt die Schnitte der Kleider, man erahnt wie bewundernd die Blicke der Passanten auf die Trägerinnen dieser Kreationen gewesen sein müssen.

Naumburger Dom

Auf dem Rückweg machen wir noch bei einer anderen, etwas älteren Dame Halt. Erst viele Jahre nach ihrem Ableben wurde sie zu einer wahren Ikone erkoren. Im Moment ist der Naumburger Dom jedoch nicht wegen der schönen Uta im Gespräch, sondern aufgrund eines anderen Kunstwerks. Vor drei Jahren wurde das während des Bildersturms verloren gegangene Mittelbild eines von Lucas Cranach um 1520 gemalten Altares durch den Leipziger Künstler Michael Triegel brillant ersetzt. Aufgrund seiner Größe wird nun diskutiert, ob das Triptychon nicht die Gesamtwirkung des Westchores mit seinen zwölf berühmten Stifterfiguren stört. Die Unesco fordert eine Versetzung des Bildwerks. Die Gemeinde weigert sich.


Unbeeindruckt von diesen aktuellen Geschehnissen steht die elegante Markgräfin Uta im wahrsten Sinne des Wortes über all diesen irdischen Querelen. Sie ist die berühmteste im Reigen der Stifterinnen und Stifter, die seit der Mitte des 13. Jahrhunderts hier einen würdigen Platz gefunden haben. Vom Naumburger Meister wurden sie geschaffen, einem der großen Bildhauer in der Zeit des Übergangs von der Romanik zur Gotik. Nur wenig weiß man über ihn. Vermutlich war er in Nordfrankreich tätig als dort die atemberaubenden Kathedralen in den Himmel wuchsen. Eine neue fein beobachtende Art der menschlichen Darstellung, die auch vor individuellen Gefühlsäußerungen nicht scheut, hielt durch ihn in die östliche mittelalterliche Bildhauerkunst Einzug. Keine andere Figur dieser Zeit lacht so herzergreifend fröhlich wie Reglindis. Ihre Nachbarin Uta hingegen zeigt sich edel verschlossen, den Mantel hoch zum fein geschnittenen Antlitz gezogen. Mit souveräner Noblesse blickt sie auf ihre zahlreichen Bewunderer herab. Auch ihre spätere Vereinnahmung im Nationalsozialismus, der sie zum Ausdruck reiner deutscher Gesinnung und typisch weiblichen Wesens stilisierte, wehrte sie mit Gleichmut ab.


Ungewöhnlich für die damalige Zeit war die Positionierung von Irdischem an einem Ort, der normalerweise Aposteln und Heiligen vorbehalten war. Wie jene stehen die Stifterfiguren unter großen Baldachinen, treten aber lebendig und in zeitgenössischer Kleidung den Betrachtern des 13. Jahrhunderts vor Augen. Durch diese Ähnlichkeit fordern sie ihr Gegenüber auch zur Nachahmung der Stiftertätigkeit auf. Selbst wenn dieser Apell im 21. Jahrhundert vermutlich nicht mehr zu gelingen vermag, so inspiriert vor allem Uta bis heute. Als Umberto Eco gefragt wurde mit welcher Frau aus der Geschichte der Kunst er am liebsten einen Abend verbringen würde, nannte er die schöne Markgräfiin von Naumburg.


https://www.spsg.de/schloesser-gaerten/objekt/neues-palais/

https://www.museum-barberini.de/de/

https://www.smb.museum/ausstellungen/detail/rico-puhlmann/

https://www.naumburger-dom.de

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