Gedanken zu einer Reise nach Dresden

Im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg ist eine kleine Gouache von Adolph Menzel mit dem launigen Titel: Platz für den großen Raffael ausgestellt. In genrehaft-humoriger Weise bringt das einzigartige Zeichentalent des 19. Jahrhunderts feinsinnig den Zeitpunkt des Eintreffens der Sixtinischen Madonna im Jahre 1753 in Dresden zu Papier. Der Legende nach hatte Friedrich August III. eigenhändig seinen Thronsessel zur Seite geschoben, um dem Meisterwerk Raffaels den besten Lichteinfall zu garantieren.

Bis heute befindet sich dieses Bild in Dresden. Nun hängt es jedoch nicht mehr im Thronsaal eines Kurfürsten und Königs, sondern in der neu restaurierten und prächtig gehängten Gemäldegalerie.

Viel, sehr viel ist über dieses berühmte Gemälde schon geschrieben worden: von seinem ursprünglichen Aufbewahrungsort in Piacenza, wo es direkt gegenüber einem Kruzifix hing, was den erschrockenen Gesichtsausdruck von Mutter und Kind erklären würde; von der göttlichen und doch durch und durch menschlichen Schönheit dieser Madonna, die ihr Kindlein der Welt mit einer so ambivalenten Geste darbietet, die nur als Gewissenskampf zwischen fürsorglicher Mutterliebe und Demut vor dem göttlichen Willen verstanden werden kann; von den kleinen Angioletti, die diese überirdische Erscheinung umgeben wie ein quirliger Wolkenhimmel; vom nahezu theatralischen Auftritt von Mutter und Sohn, der nur ein bisschen von den gelangweilten Engelchen zu ihren Füßen gemildert wird; von der unübertroffenen Anmut der Hl. Barbara, die mir jedes Mal wieder den Atem stocken lasst. Würde ich nichts anderes in Dresden sehen, außer dieser Gestalt, so wäre ich schon glücklich.

Wie eine Fürstin thront das Gemälde an der Stirnseite des Museumsganges an dessen gegenüberliegender Seite eine andere Ikone der Kunstgeschichte hängt: Rembrandts Ganymed aus dem Jahre 1635. Irritierend menschlich und entgegen jeglicher ikonografischen Tradition wird dieser gezeigt. Nicht als Jüngling von heranwachsender Schönheit, die die Aufmerksamkeit des Zeus auf sich gezogen hatte, ist er zu sehen, sondern als Kleinkind mit entblößtem Hinterteil, das seine Körperfunktionen noch nicht im Griff hat. Bei Rembrandt ist der spätere Mundschenk der Götter zu diesem Zeitpunkt von seinem Schicksal alles andere als überzeugt. In ihrem kindlich-ängstlichen Zorn widerspricht diese Darstellung jeglicher Ästhetik einer vorbildhaft würdevollen Antike.

Aber auch der den Knaben raubende Zeus in Gestalt eines Adlers lässt ganz ungöttlich die Mühe seines Unterfangens erkennen, indem er nicht sonderlich souverän dem Kleinen am Hemdchen zerrt. So einzigartig ist die malerische Darstellung des mythologischen Inhaltes, dass man bis heute über die Intention des Künstlers rätselt.

 

Der Weg zwischen den beiden Meistern Raffael und Rembrandt ist dicht und opulent mit anderen Kunstwerken bestückt. Ich betrachte das so rührend leuchtende Jesuskind von Correggio, das das Licht in die dunkle Finsternis der Nacht bringt. Einige Zeit verweile ich bei der kapriziös aus dem Mittelpunkt enthobenen Maria des Parmigianino, deren Doppelgängerin im Nebenraum nun unverhohlen, jedoch mit äußerster Eleganz sowohl eine Rose dem Jesuskind, als auch ihre erotischen Reize dem Betrachter darbietet. In nichts steht diese Gottesmutter in ihrer weiblichen Raffinesse der Frau nach, die der Inbegriff von Schönheit schlechthin ist: Giorgiones Venus. Sie schlummert nach wie vor unbeeindruckt in der mediterranen Hügellandschaft. Durch ihre geschlossenen Augenlider entlässt sie den Betrachter aus der Verantwortung seines Tuns, während ihre jüngeren, von Tizian und Manet erschaffenen Schwestern dem Publikum dies nicht mehr gestatten. Herausfordernd, hellwach und selbstbewusst blickt die Venus von Urbino in Florenz ihrem Gegenüber entgegen. Spöttisch wird die Olympia von Manet den Beschauer 350 Jahre später in Paris endgültig zum ertappten Voyeur machen.

 

Zurück nach Dresden: Wie ein funkelnder kostbarer Edelstein leuchtet ein kleines, zur privaten Andacht gedachtes, Triptychon von der Hand Jan van Eycks aus einem Nebenkabinett. Es scheint so zart und fein, dass ich nur mit Ehrfurcht näher zu treten wage, um die Grazie der zauberhaften Darstellung nicht zu stören: die Regenbogenflügel des Erzengels Michael, die Andacht des Stifters, der festlich geschmückte gotische Kircheninnenraum, das fröhlich strampelnde Jesuskind, die gütige und so mädchenhafte Maria, sowie die in ihr Buch versunkene Hl. Katharina. Selten findet man im kleinen Format eine solch feierliche Größe.

 

Zurück im Mittelgang lärmen die lebensfrohen Niederländer so laut und fröhlich, dass sich sogar der sonst so leise und zurückhaltende Geschichtenerzähler Jan Vermeer davon anstecken lässt. Ungewohnt direkt verfolgt seine Kupplerin im großen Format ihr unmoralisches Ziel. Wirklich überwältigend gestaltet sich der flämische Farbrausch eines Rubens oder Jacob Jordaens. Wollte man nicht insgeheim doch einmal ein barockes Gelage erlebt haben, bei dem sogar Herkules die Beine so schwach wurden, dass er von einem Satyrpaar gestützt werden musste? Hätte man daran nicht vielleicht lieber teilgenommen als vom gesitteten und doch so berühmten Schokoladenmädchen ein Heißgetränk gereicht zu bekommen? Mit seinem zurückhaltenden Kolorit scheint es den vielen Veduten der italienischen Maler des 18. Jahrhunderts direkt entsprungen. In diesen Stadtansichten wird das Dresden ersichtlich, das nun im 21. Jahrhundert versucht wird für die vielen Touristen durch aufwändigste Sanierungsmaßnahmen wieder auferstehen zu lassen. Beeindruckt steht man vor der Frauenkirche und hat doch stets den Eindruck, als hätten die Restauratoren ihre Pinsel in die pastellenen Farbtöpfe des Rokoko getaucht und seien damit einmal rund um die Häuserfront gefahren, so frisch und neu strahlt es hier pistaziengrün, himmelblau und zitronengelb.

 

Noch kann ich mich jedoch nicht vom Museum trennen und schließe deshalb meinen Rundgang durch die Galerie mit einem erneuten Besuch beim gefeierten Raffael. Zum 500. Geburtstag des Renaissancegenies schenkt die Gemäldegalerie sich und ihren Besuchern eine Schau zu den großformatigen Tapisserien, die Raffael im Auftrag Papst Leos X. ab 1515 ursprünglich für die Sixtinische Kapelle in Rom entworfen hatte, wo sie zum Weihnachtsfest 1519 erstmalig aufgehängt wurden.

 

Komplex ist deren Entstehungs- und Wirkungsgeschichte. Wurde die erste Serie in Brüssel hergestellt, tauchen die von Raffael und seinen Werkstattmitarbeitern in Originalgröße gezeichneten Vorlagekartons gut 100 Jahre danach in Genua wieder auf. Von dort wurden sie vom späteren englischen König Charles I. erworben, der wiederum anhand dieser Kartons eine Serie herstellen ließ, diesmal jedoch in England. Auch die in Dresden befindlichen Stücke wurden dort anhand der Kartons, die sich heute im Victoria and Albert Museum befinden, gefertigt.

 

Nicht immer gelingt es der Ausstellung diese vielen Fäden zu entwirren und sowohl die Vorbilder Raffaels als auch die Jahrhunderte der Rezeption schlüssig aufzuzeigen. Nachzeichnungen, Kopien und Faksimiles wechseln sich in bunter Mischung ab. Dennoch vermögen die Exponate die beeindruckende Bildgewalt und Strahlkraft zu vermitteln, die von den Kartons über viele Epochen hinweg ausgegangen sein müssen.

 

Diese, die späteren Jahrhunderte ergreifende Faszination aller Werke Raffaels, hat Menzel in seiner zauberhaften, kleinen Gouache so unspektakulär wie brillant auf den Punkt gebracht hat.