Gedanken zu einer Reise nach Venedig

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Streng genommen ist die aktuelle, bereits zum 59. Mal stattfindende zeitgenössische Kunstschau in der Lagunenstadt dieses Jahr keine Biennale, da Corona bedingt der Abstand länger war als gewöhnlich. Wie unbeschwert von all den jetzigen Kriegen, Krisen und Katastrophen scheint mir der Besuch 2019. Das damals lediglich grollende Zukunftsdräuen ist unweigerlich im Hier und Jetzt angekommen.

 

Auch wenn es noch nie Aufgabe der Gegenwartskunst gewesen ist unbeschwerte Leichtigkeit und Heiterkeit zu verströmen, überrascht die düstere Wucht der diesjährigen Schau bisweilen doch. Schwarz und gewichtig sind die Vorhänge durch die man sich bei so vielen Räumen erst einmal arbeiten muss, um die dahinter verborgene inhaltliche Schwere betrachten zu können. Rassismus, Diskriminierung, Ungleichheit, Klimakatastrophen, Unterdrückung von Minderheiten sind die bestimmenden Themen, die abstrakt, subtil oder auch klar und gegenständlich formuliert und verhandelt werden.

 

Im polnischen Pavillon verbindet die Roma-Künstlerin Malgorzata Mirga-Tas in ihrer Arbeit, die den traumschönen Namen „Rückverzauberung der Welt“ trägt, klassische europäische Ikonografie mit monumentaler textiler Handarbeit und mythologischen Themen aus ihrer Kultur auf eindringlich berührende Weise. Noch nie in der 120-jährigen Biennale Geschichte wurde Kunst aus der Roma-Kultur gezeigt, immerhin der größten europäischen Minderheit. Auch im amerikanischen Pavillon geht es um eine Menschengruppe, die über Jahrhunderte hinweg von der (Kultur)geschichte geflissentlich übersehen wurde. Die Künstlerin Simone Leigh verpasst dem Gebäude weithin sichtbar durch das aufgesetzte Strohdach eine afrikanische Anmutung und macht bereits mit der übermächtigen Figur am Eingang klar, worum es ihr hier ausschließlich geht: Leben, Leib und Wesen der schwarzen Frau. Von klug konsumierbarer zeitgenössischer Ästhetik und Materialwahl bleibt die Künstlerin diesem Thema mit kühner Stringenz treu, was ihr zurecht den Goldenen Löwen eingetragen hat.

 

Laute Effekthascherei ohne erkennbare inhaltliche Aussage leistet sich hingegen Dänemark mit seiner hyperrealistisch dahingemetzelten Zentaurenfamilie. Kunst, die sich lediglich auf ihre Instagramtauglichkeit konzentriert, hat auf einer der wichtigsten Kunstschauen wenig verloren. Diese Gefahr hat man im deutschen Pavillon bekanntlich völlig umschifft, indem man einmal mehr auf das bereits gründlich erforschte und hinlänglich bekannte nationalsozialistische Erbe des Bauwerks verwies. Die hochfliegenden Pläne einer Translokation wurden zum Glück nicht auch noch realisiert.

Nur selten gestatten Kuratoren und Künstler den Besuchern auf ihrem Rundgang ein leises Aufatmen wie im serbischen Pavillon, der eine weite Wasserprojektion zeigt, in die man am liebsten eintauchen möchte, bevor man sich an der Bestimmtheit eines Schwimmers nicht satt sehen kann, der stoisch seine immer gleichen Bahnen zieht, um am Ende des Beckens zu wenden und wieder von vorne zu beginnen.

 

Australien wiederum setzt statt meditativer Wiederholung auf Krawall, der seltsamerweise aber etwas Erleichterndes hat. Von völliger Überlautstärke werden elektronische Gitarrentöne mit Verstärkern bis zum Ansatz aufgedreht und über eine überdimensionierte Lautsprecherwand verbreitet. Jede Faser des eigenen Körpers spürt man vibrieren und freut sich über diese physisch sinnliche Erfahrung, die die so schwere Gedankenlast zumindest für einige Minuten schier davonfegt. Begleitet vom leiser werdenden Lärm streift man ein bisschen ermüdet durch die ausgedorrten, berühmten Giardini, vorbei am stoisch wirkenden, schon tausendfach fotografierten Wachmann des leeren russischen Pavillons und an so mancher fast erschöpft wirkender Kunstinstallation, die von so vielen schon betrachtet, gemustert und diskutiert wurde. Der Weg führt hinaus in die herbstliche Stadt, die den Sommer noch in sich trägt. Das Erfühlen dieser verwirrend seltsamen Diskrepanz aus Wärme und Dunkelheit in den frühen Abendstunden allein wäre ein Grund im Oktober nach Italien zu fahren.

 

Weder verwirrend noch sinnlich, vielmehr von wissenschaftlicher Nüchternheit durchdrungen, zeigt sich die von Udo Kittelmann kuratierte Schau “Human Brains: It Begins with an Idea” in der Fondazione Prada, die sich allen Aspekten des menschlichen Gehirns widmet. Bruce Nauman setzt hingegen auf die physische Geste und tobt sich auf Großvideowänden in der Pinault Collection der Punta della Dogana aus. Seine “Contrapposto Studies” sind ein erheiterndes Spektakel, das auf der Homepage von folgendem Statement begleitet wird: „The exhibition is an homage to one of the major figures of the contemporary art international scene and focuses on three fundamental aspects of his oeuvre: the artist studio as a space where creation takes place, the body through performances and the exploration of sound.”

 

Nur ein Sprung ist es daraufhin zum ewig großen Konkurrenten Arnault, der erst gar nicht den Anschein erweckt, Luxuskonsum und Kunst trennen zu wollen. So findet sich direkt über dem riesigen Louis Vuitton Store sein exklusiver Kunstraum, den dieses Mal Katharina Grosse mit bekannter Souveränität bespielt, in dem sie den eleganten Raum mit bunt flirrendem Textil behängt. „Apollo, Apollo blends the transparent with the opaque, letting light filter through, creating a gateway to a dreamlike world in which visitors question their own perceptions of reality and illusion.” Auch wenn kommerzielle Auftragskunst hier vermutlich nicht in ihrer originellsten Form gezeigt wird, ist man über die charmante Ablenkung doch dankbar.

Das Schönste an der Biennale ist aber natürlich der Ort, an dem sie stattfindet und der an so vielen Stellen wunderbar Gelegenheit gibt, die Vergangenheit in der Gegenwart auf höchst faszinierende Weise zu erleben. Zwei Palazzi sind in diesem Jahr meine absoluten Favoriten. Im Palazzo Grimani zeigt sich der Großmeister Baselitz von einer fast schon heiteren Seite, indem er in einer eigens entwickelten Abklatschtechnik die leeren Stuckrahmen der Ahnengalerie der ursprünglichen Besitzerfamilie mit fröhlich abstrakter Malerei füllt. Ob es sich dabei nun tatsächlich um auf den Kopf gedrehte Schädel handelt oder um eine hoch individuelle Sichtweise der menschlichen Vergänglichkeit eines betagten Künstlers, darf jeder selbst entscheiden. Wie gut jedoch, dass nicht nur der prächtige Empfangssaal, sondern auch andere Räumlichkeiten mit typisch Baselitzscher Kunst ausgestattet wurden, groß wäre sonst die Gefahr sich mitten ins 16. Jahrhundert versetzt zu fühlen: die prächtige Treppe, deren Decke mit Fresken von Federico Zuccari gestaltet wurde, die Terrazzo Böden, die europaberühmte Antikensammlung in der prächtigen Tribuna mit dem schwerelosen Ganymed, das so romantische Schlafzimmer, das sich Nachkommen der Grimanis ganz nach ihren Bedürfnissen haben einrichten lassen, die festlich opulenten Deckenmalereien jeweils passend zur Funktion der Räumlichkeiten. Alles strotzt nur so von Pracht, Herrlichkeit, Machtwillen und einem untrüglichen Gespür für exquisite Kunst.

 

Ein anderer Zweig der Familie besaß bereits seit dem frühen 15. Jahrhundert ebenfalls ein stattliches Anwesen. Der Palazzo Vendramin Grimani befand sich noch bis 1959 in Familienbesitz, wurde in den letzten Jahren aufwendig restauriert und ist nun seit kurzem erstmalig für die Öffentlichkeit zugänglich. Überschaubarer, dabei jedoch nicht weniger beeindruckend gibt er eine Vorstellung vom Leben der mächtigen und einflussreichen Oberschicht Venedigs vergangener Jahrhunderte. Der mexikanische Künstler Bosco Sodi kommuniziert in einnehmend ästhetischer Weise mit dem kulturhistorischen Erbe des Ortes. „What goes around comes around“ heißt die Werkinstallation. Rauhe farbstrahlende Pigmente, roh goldene Skulpturen und Steinkugeln bevölkern statt der früheren adeligen Besucher nun die feinst restaurierten Räumlichkeiten und schaffen eine betörende Atmosphäre. Auffordernd erstrahlen großflächige Kreise in schönstem Tizianrot an den Wänden, mit denen der Künstler an die Handelsverbindungen seiner südamerikanischen Heimat mit Venedig in der Vergangenheit erinnert.

 

Ohne jene weit gehandelten Farbpigmente wären die koloristischen Meisterwerke, für die Venedig so berühmt ist, nicht möglich gewesen. Welch eine Freude viele von ihnen nach langjähriger Restaurierung endlich wieder im Original bewundern zu dürfen. Das Spektakel der Himmelfahrt Mariae leuchtet einem schon entgegen, wenn man nur die Schwelle der Kirche Santa Maria Gloriosa dei Frari übertritt. Von solch überwältigender Würde scheint es mir unweigerlich in der Lage, die Abtrünnigen wieder von der Kraft des Glaubens zu überzeugen. In allen erdenklichen Gold- Orange- und Rottönen überflutet dieses Altargemälde Tizians rauschhaft sämtliche Sinne.

 

Wie die distinguiert zurückhaltende Schwester der Assunta zeigt sich im linken Seitenschiff hingegen die Madonna des Pesaro-Altarblattes. Zum ersten Mal gibt die Muttergottes ihren ikonografisch angestammten Platz in der Bildmitte auf. Virtuos wird diese Achsenverschiebung allein durch den gewaltigen Farbdreiklang von Tizian meisterhaft ausbalanciert. In der Sakristei verabschieden wir uns behutsam vom unterm schimmernden Goldhimmel so zart von seiner Mutter getragenen Jesuskind, das aber beruhigend ernsthaft von den vier streng dreinblickenden Heiligen gesäumt wird. Der schon von Dürer bewunderte Bellini hat hier auf leise Art dem Wunder des göttlichen Kindes so zeitlos wie ergreifend Respekt gezollt.

 

Ich kann mich noch nicht satt sehen am juwelenhaften Funkeln der venezianischen Farbenpracht und so spazieren wir durch das nachmittäglich sonnenmilde Strahlen, um der ehrwürdigen Galleria del Accademia einen raschen Besuch abzustatten. In den seit Langem im Übergangsmodus der Renovierung befindlichen Räumen entdecken wir mannigfach Bekanntes, wenn auch in neuer Anordnung. Veroneses und Tintorettos bühnenhafte Auftritte übertreffen sich immer noch in manieristischer Auslotung des malerisch Machbaren. Sanft und demütig senken die Madonnen der Malerfamilie Bellini ihre Augen auf die lieblichen Jesuskinder. Von stets atemberaubender Asymmetrie gebärden sich die so sinnlichen Leiber Tiepolos. Und dann gibt es in diesem Museum ein Gemälde, das allen Zauber, alle Rätsel, alle Virtuosität Venedigs in sich zu vereinen scheint. Giorgiones „La Tempesta“ darf vor würdig grauer Wandbespannung endlich wieder die gesamte Bandbreite seiner Strahlkraft entfalten. Bis heute ist nicht geklärt, geschweige denn ausinterpretiert, was Giorgione mit der ihr Kind stillenden Frau sowie dem so seltsam unbeteiligt wirkenden Mann auf der anderen Seite eigentlich intendiert hat. Aufmerksamkeit zieht aber nicht nur das Paar auf sich, sondern auch der erste Blitz der Kunstgeschichte, der die Farbschicht regelrecht aufbricht wie eine Wunde. Das erst durch diesen kleinen gelben Lichtstrahl in all seiner Wesenheit deutlich werdende Himmelsgrün ist von solch einer Tiefe, Unergründlichkeit und Leuchtkraft, dass es mir beim späteren Blick über die Lagune wie Schuppen von den Augen fällt: Giorgione hat die Wasserfarben Venedigs in seinem Gemälde an den Himmel versetzt.

 

Welch hintersinnig zeitgenössischer Coup vor über 500 Jahren.

 

https://www.labiennale.org/en/art/2022

https://www.fondationlouisvuitton.fr/en/events/katharina-grosse-apollo-apollo

https://www.fondazioneprada.org

https://www.pinaultcollection.com

https://polomusealeveneto.beniculturali.it/musei/museo-di-palazzo-grimani

https://www.fondazionealberodoro.org/it

https://www.basilicadeifrari.it

https://www.gallerieaccademia.it