Bayerns Meisterwerke. Eine Gesprächsreihe auf Bayern 2.

Renée Sintenis‘ „Daphne“ im Kunstforum Ostdeutsche Galerie Regensburg

Heute kennt man zwar ihre Werke, ihr Name hingegen ist nur wenigen Kunstkennern ein Begriff. Dabei war sie vor 100 Jahren eine wahre Berühmtheit: die Künstlerin Renée Sintenis, 1888 als Renate Alice Sintenis in Glatz geboren, kam als Jugendliche nach Berlin und zeigte bereits früh künstlerische Ambitionen. Auf Wunsch der Familie mussten diese jedoch hintanstehen. Ein 1907 begonnenes Studium der Dekorativen Plastik am Kunstgewerbemuseum brach sie im fünften Semester ab, um dem Vater die Sekretärin zu ersetzen. Nicht lange jedoch dauerte diese Phase an. Renées Talent setzte sich durch. 1910 lernte sie Georg Kolbe kennen, wurde sein Modell und entwickelte in ihrem eigenen, wieder aufgenommenen Kunstschaffen jene Formensprache, die sie in den kommenden Jahren bekannt machte. Bewegung in Gestalt von jungen Tieren im kleinen Format – das zu jener Zeit vor allem von männlichen Künstlern immer noch hochgeschätzte Monumentalformat war ihr verhasst – sollte ihr Markenzeichen werden, auch wenn sie sich daneben noch anderen Themen zuwandte.

 

Eines ihrer bekanntesten Werke ist die Figur der „Daphne,“ die es in verschiedenen Ausführungen gibt. Die Künstlerin widmet sich hier einer der berühmtesten Geschichten aus der Erzählsammlung „Metamorphosen“ des römischen Dichters Ovid. Apoll entbrennt in wilder Leidenschaft zur schönen Nymphe Daphne, die jedoch den aufdringlichen Nachstellungen des Gottes entflieht. In ihrer Verzweiflung wendet sie sich an ihren Vater Peneios und bittet ihn um Hilfe. Dieser kommt nun auf die interessante Idee, seine Tochter im Moment des Zugriffs durch den Verliebten, in einen Lorbeerbaum zu verwandeln. Jene Gestalt also, die der Gott so sehr begehrt, wird verändert und gehört dadurch der Vergangenheit an.

 

Es ist eine große Herausforderung diesen Inhalt bildhauerisch darzustellen, da der transitorische Moment der Verwandlung in nur einem statischen Bild festgehalten werden muss. Der berühmteste Künstler, der sich dieser Problematik mit brillantem Ergebnis gestellt hat, war sicherlich Gianlorenzo Bernini mit seiner bis heute in der Galleria Borghese befindlichen „Apoll und Daphne Gruppe“ aus dem Jahr 1622.

 

Renée Sintenis Blick 300 Jahre später ist ein neuer, moderner, feministischer. Sie konzentriert sich auf Daphne und zeigt die die junge Frau befreiende Verwandlung, losgelöst vom männlichen Verfolger und von positiver, nahezu tänzerischer Entgrenzung.

 

Sie wählt eine Perspektive, die sicherlich auch von ihrem eigenen Lebensstil geprägt ist. Sintenis galt als der Inbegriff der Neuen Frau, wie sie in den 20er und 30er Jahren in Berlin gefeiert wurde: eigenständig, von androgyner Schönheit, stilsicher, talentiert und in den Künstlerkreisen der Stadt bestens vernetzt. Rilke und Ringelnatz gehörten neben vielen anderen zu ihren engsten Freunden. Sintenis avancierte zu einer international gefragten, bestens verdienenden Künstlerin, posierte nebenbei für die angesagtesten Magazine als Modell und fuhr ohne Chauffeur ihren eigenen Wagen durch Berlin. Das Erfolgsrezept für eine der gelungenen Partys bei ihrem Galeristen Flechtheimer lautete damals folgendermaßen: »Man nehme sehr viele schöne Frauen, fünf Mitglieder der Haute-Banque, mehrere andere Bankiers, je fünf prominente Schauspielerinnen, Tänzerinnen und mehrere berühmte Rechtsanwälte, Dichter, Parlamentarier, Frauenärzte, Boxer, etwas von der Konfektion, Matratzen, die Sintenis und die Hatvany.“

 

Durch vielfältige Repressionen während der Nazidiktatur in ihrem Kunstschaffen und Leben eingeschränkt, hat sie die Kriegszeit überlebt, um danach weitere Erfolge zu feiern. Im Alltag kann man Werken der Künstlerin bis heute begegnen. Der auf deutschen Autobahnen die jeweilige Entfernung nach Berlin anzeigende Bär wurde von ihr geschaffen. Exklusiver gestaltet sich hingegen der Besitzerkreis, der alljährlich in Gold und Silber auf der Berlinale verliehenen hochbegehrten Bären. Vermutlich wissen die meisten nicht, dass auch diese Trophäe von der Ausnahmekünstlerin Renée Sintenis stammt.

 

Bayerns Meisterwerke. Eine Gesprächsreihe auf Bayern 2.

Sendetermin 24. Februar 14:05 Uhr / 20:05 Uhr KulturLeben

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