Gedanken zur Ausstellung „Nennt mich Rembrandt“

Im Städel Museum Frankfurt

Nur wenige Künstler wurden in den vergangenen Jahren so häufig mit monografischen Ausstellungen geehrt wie Rembrandt. Einer Perlenschnur gleich reihen sich die Schauen der verschiedenen Institutionen aneinander: 2015 veranstaltete das Rijksmuseum in Amsterdam die atemberaubende Ausstellung zu den späten Schaffensjahren des Niederländers. Zum 350. Todestag gab es eine Innenschau des Künstlers namens „Inside Rembrandt“ in Köln. 2020 schließlich widmete man in Potsdam und Basel seinem Verhältnis zum Orient eine umfangreiche und sofort ausgebuchte Ausstellung. Da das Themenspektrum anscheinend noch nicht ausgeschöpft ist, zeigt nun das Städel in Frankfurt den fulminanten Aufstieg Rembrandts zu einem der begehrtesten Maler des 17. Jahrhunderts, der sich in der Metropole Amsterdam vollzogen hat.

 

Um den Schluss vorweg zu nehmen: die Erfolgsjahre waren bekanntlich nicht von Dauer. Die Tragik des Todes seiner Ehefrau Saskia; die daraus resultierenden privaten Auseinandersetzungen mit seinen beiden Lebensgefährtinnen, in deren Verlauf der Künstler hart und unerbittlich agierte; eine zunehmend unglückliche Hand fürs Geschäftliche; sein schwieriger, undiplomatischer Charakter gerade im Umgang mit Kunden und nicht zuletzt ein sich verändernder Kunstgeschmack, dem Rembrandt nicht Rechnung trug, sorgten für ein trauriges Lebensende in Armut.

 

Vermutlich ist es aber genau dieses Wissen um das spätere Unglück, das die in Frankfurt gezeigten Jahre des Erfolgs umso interessanter machen. Auch wenn Corona bedingt die Massen nicht wie sonst in geduldigen Schlangen vor dem Museumseingang ausharren, zeugt die immer noch hohe Besucheranzahl von der nicht abnehmenden Begeisterung für den großen Niederländer. Die unnachahmliche Nahbarkeit dieses nicht unkomplizierten Künstlers, der sich so häufig wie kein anderer selbst zum Bildmotiv nahm, beeindruckt immer wieder aufs Neue. Gerade durch seinen von Höhen und tiefem Fall geprägten Lebenslauf wird er menschlich greifbar. Man meint ihn persönlich kennen zu dürfen, wie es nur sehr wenige Größen der Kunstgeschichte gestatten. Weder der so physisch kühne Rubens noch der zurückhaltend elegante Vermeer erlauben zu jener Zeit ein solches Maß an menschlich-individueller Nähe.

 

Selbst Dürer, der sich bekanntlich nicht nur in repräsentativer Pose und edlem Pelz gemalt hat, sondern auch spontan, leidend und nackt, ist dazu nicht in solchem Ausmaß bereit wie sein späterer Künstlerkollege. Dennoch konnte sich Rembrandt auf den großen Neuerer nördlich der Alpen beziehen, hatte dieser mit seinen Selbstbildnissen das Ichbewusstsein des Künstlers doch erst in die Malerei eingeführt.

 

Und so begegnet uns die wohlbekannte Erscheinung Rembrandts häufig und mannigfach in der Ausstellung. Radiert, gezeichnet und gemalt setzt er sich mit seinem Antlitz auseinander. An der eigenen Gestalt erprobt er sein wachsendes Selbstbewusstsein, das sich nicht nur im Bild, sondern auch in der Signatur widerspiegelt. Die brave Unterschrift zu Beginn wandelt sich zum Markenzeichen. Ein Wort genügt: REMBRANDT. Der niemals nach Italien Gereiste stellt sich damit auf eine Ebene mit Raffael, Michelangelo oder Tizian. Bis heute zeigt sich wahre Kunstkennerschaft darin, deren Nachnamen nicht zu nennen.

 

Wie für seine vorbildhaften italienischen Künstlerkollegen früherer Zeiten, waren auch für den rasanten Aufstieg des Müllersohns aus Leiden die örtlichen, kulturellen und historischen Umstände von großem Belang. Was das Florenz der Renaissance für Michelangelo gewesen war, ist die pulsierende Metropole Amsterdam für Rembrandt. Selten in der Kunstgeschichte waren ein Künstlertalent und die Geschicke der Stadt, in denen dieses sich entwickeln und entfalten konnte, so eng miteinander verbunden wie im vorliegenden Fall.

 

Rembrandts Erfolgsjahre verliefen mit jenen Amsterdams kongruent. Die Stadt avancierte zum Zentrum der Vereinigten Niederlande, einer jungen Republik, die durch den Seehandel mit den überseeischen Kolonien zu enormem Wohlstand gelangt war. Rembrandt gab den erst kürzlich zu Reichtum gekommenen Bürgern ein Bild. Er hielt sie in Posen fest, die bis dato dem Adel vorbehalten gewesen waren und inszenierte all die feinen Damen und Herren mit und ohne Mühlsteinkragen auf „die meiste und natürlichste Beweglichkeit“ wie er es selbst in einem Brief formulierte.

 

Sein Lieblingsmodell in all diesen Jahren war er jedoch selbst. Wie ein bisweilen auch schonungsloses Selbsterforschungsprojekt wirken seine Bildnisse, die in ihrer Reflektiertheit und künstlerischen Tiefe nichts gemein haben mit heutigen Selfies, auch wenn dieser unsägliche Vergleich seit Jahren mehr als überstrapaziert wird. Rembrandts Selbstbildnisse sind nämlich nicht für eine oberflächliche Außenwirkung von kürzester Dauer auf ein anonymes Publikum im Bruchteil einer Sekunde geknipst und digital bearbeitet worden. Vielmehr wurden sie mit Sachverstand, Geduld und Muße von brillanter Künstlerhand geschaffen: Minutiös in Metallplatten geritzt, mit rascher Feder zu Papier gebracht oder mittels Farbe, die von pastoser Dichte bis hin zu hauchzarter Feinheit variieren darf, auf die Leinwand aufgetragen, zeugen sie dauerhaft von Rembrandts Genie. Anders als bei Instagram-Selfies lässt sich vor diesen Selbstporträts die reale Sinnlichkeit sowohl der bildhaften Erscheinung als auch des Schaffensprozesses erleben.

 

Eines dieser meisterhaften Schlüsselwerke empfängt die Besucher der Ausstellung. Sucht man jedoch Blickkontakt, folgt eine Enttäuschung. Irritierend geht nämlich der Blick des Künstlers an seinen Betrachtern vorbei. Die indifferente, vom charakteristischen Barett sanft verschattete Augenpartie lässt sich nicht wirklich erfassen. Leicht geöffnet ist der Mund. Nicht unsympathisch wird der Anflug eines Lächelns angedeutet. Von selbstverständlicher Nonchalance umschmeichelt der luxuriös weiche Pelz den Hals des Künstlers. Hier zeigt einer was er kann und was er hat, ohne dabei den letzten Selbstzweifel abgelegt zu haben.

 

Fünf Jahre später scheint dieser verschwunden. In der Manier eines Gentiluomo radiert Rembrandt sich in Anlehnung an seine italienischen Kollegen. Fest ist der Blick, selbstbewusst die Geste, umfangreich der Anspruch des voluminösen Ärmels, der sowohl Barriere als auch Verbindung zur Betrachterwelt ist. Nicht weniger als im Gemälde mit Farbe und Pinsel fasziniert dabei Rembrandts Vermögen, Licht, Schatten, Emotion und Stofflichkeit im Medium der Radierung den winzigen Tiefen der Kupferplatte brillant entlocken zu können.

 

Neben all jenen beeindruckenden, auch inhaltlich ausgreifenden, erzählerisch versierten Bildern von des Meisters Hand, bleibt ein kleines Blatt besonders im Gedächtnis. Schlicht ist es betitelt: Die drei Bäume. Auf den ersten Blick scheint es auch genauso schnell erfasst zu sein. Ein Regenschauer zieht gerade nach links davon und lässt den hell und blank gewischten Himmel strahlend aufleuchten. Davor stehen drei Bäume eng beieinander. Freundschaftlich verbinden sich ihre üppigen Kronen. Behutsam lösen sich Figuren und Gegenstände aus den tief verschatteten Partien. Ein verstecktes Liebespaar, Windmühlen, deren zarte Silhouetten in der Entfernung kaum mehr erkennbar sind, Bauern, die nach dem Regenschauer wieder ihrer Arbeit nachgehen.

 

Auf die kleine Anhöhe ins Bild geschlichen hat sich dabei derjenige, der Licht, Wind, Regen, Gewitter, Windmühlen, Kühe, kurz die Lebenswelt und den darin befindlichen Menschen auch nach 400 Jahren so nahbar und lebendig wie nur wenige andere darzustellen vermag: REMBRANDT!

www.staedelmuseum.de